Als Tourist von Polizei verhaftet und verschleppt – was tun?

Tourist verschleppt in der Türkei

Abtransportiert und unter Arrest: Wer hilft?

Fotografieren, dann folgt die überraschende Festnahme. Die Häscher lassen nicht locker, obwohl der Türkei-Besucher in Richtung der umstehenden, teils fotografierenden Menschen um Hilfe fleht. Mit angsterfüllten Schreien bettelt er die Polizisten verzweifelt an: Sie mögen ihn doch bitte frei lassen. Doch ohne Erbarmen wird der zirka 30-jährige Mann brutal im Istanbuler Stadtteil Taksim in den Schubbus zum Abtransport gezerrt. Dann verschwindet der Gefangenentransporter auf der Istiklal Caddesi in die Dunkelheit. Bereits seit dem 10. Juli 2013, 22.58 Uhr, ist der Unbekannte ein Gefangener des türkischen Staates: Verschleppt von Präsident Erdogans berüchtigter Schläger-Polizei.

Unrechtmäßige Festnahme dokumentiert: “Help me, please!”

Verschleppt von der Polizei in der Türkei: Video-Screenshot

Verschleppt: Video-Screenshot

Die Bilder, die im Video flackern, das am 11. Juni 2013 hochgeladen worden ist, sind schlimm anzusehen und schwer zu ertragen. Augenzeugen berichten, wie der Tourist (und womöglich Journalist/Freelancer) lediglich eine in unmittelbarer Nähe stattfindende Anti-Erdogan-Regime-Demonstration am Mittwochabend fotografiert haben soll. Türkische Polizisten wiesen den verdutzen Zivilisten daraufhin in türkischer Sprache schroff zurecht: Er solle das Fotografieren unterlassen. Der blasse, von sportlich-gedrungener Statur, junge Mann versteht allerdings kein Wort, schreitet lediglich zur Seite und setzt das Fotografieren wenig später unbekümmert fort. Plötzlich, ohne sich auszuweisen und verständlich zu machen, stürmen die in martialischer Kampfmontur und mit Gasmasken gerüsteten Polizisten herbei und verschleppen den Fotografen. Niemand unter den Beamten habe sich ausweisen wollen, berichtet eine Zeuge auf Twitter. Eine Erklärung, weshalb die offensichtlich unrechtmäßige Festnahme erfolgt, blieben sie dem Mann im blauen T-Shirt ebenso schuldig. “Dieser Mann wurde von der radikal-islamischen türkischen Polizei verschleppt.”

Verschleppten Mann erkannt, wer hilft in solchen Fällen?

Twitter-Chat mit Augenzeugen

Twitter-Chat mit Augenzeugen

Der Vorfall ereignete sich in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch eine Stunde vor Mitternacht  in Istanbul. Bislang ist nicht bekannt, um wen es sich beim deportierten Mann handelt, noch weiß man, wohin der Tourist und oder Journalist gebracht worden ist. Nicht allein in der Türkei ist es furchtbar als Tourist von der Polizei verschleppt zu werden. Hoffentlich erkennt ihn ein Freund oder Angehöriger, um ihn zu identifizieren. Doch an wendet man sich in solchen Fällen – wer hilft? Über Twitter unterhielt ich mich mit dem Macher des gezeigten Videos, er fordert Internet-User auf, das Video zu verbreiten, in der Hoffnung, der Verschleppte würde erkannt. Im Falle dessen, so ein weiterer Twitter-User, können Angehörige sich an Reporter ohne Grenzen und oder an Amnesty International wenden. Eine ausführliche Antwort lieferte mir zudem via Google+ Alexander V.. Seine “Anleitung zur Befreiung” dokumentierte ich folgend…

Demokratische Anleitung zur Befreiung

“Da es sich nicht um eine ordnungsgemäße Festnahme handelt, keiner der mutmaßlichen Polizisten hat in solchen Fällen seinen Dienstausweis gezeigt, sollten betroffene Angehörige und Freunde zuerst bei der Polizei Anzeige gegen Unbekannt wegen Verschleppung/Freiheitsberaubung/Entführung stellen. Dann bekommt man ein Aktenzeichen und unter Umständen auch eine Bestätigung der Verhaftung. Damit ist Phase 1 abgeschlossen.

Parallel sollte man schon Phase 2 anlaufen lassen und sich einen örtlichen (!!!) Menschenrechtsanwalt ergooglen und diesen kontaktieren, zusätzlich zuerst das regionale Konsulat, die sind gut vernetzt, und anschließend (falls es nicht das Konsulat schon macht) die Botschaft.

Wenn es sich nicht kurzfristig (24 Std) klärt muss man über Phase 2 hinausgehen.

Vom Menschenrechtsanwalt erfährt man auch die geeignetsten NGOs, die zu kontaktieren sind. Phase 3 ist dann deren Information. Damit verbunden auch Videos und Bilder im Netz posten und den NGOs zum Verlinken oder zur Verwendung freigeben (auch hier ist Copyright ein Thema, gerade wenn dann Medien berichten wollen) CC-Lizenz erteilen.

Nach 72 Stunden muss man dann die Aktivitäten erweitern und weitere Kosten in Kauf nehmen.

Phase 4 ist dann Mobilisierung in der Heimat. Anwalt zuhause bevollmächtigen, dem obigen Menschenrechtsanwalt Bescheid sagen und beide zur gegenseitigen Akteneinsicht bevollmächtigen.

Hilfe: Anleitung zu Berfreiung

Hilfe: Anleitung zu Berfreiung

Ebenfalls in der Heimat ist dann auch Phase 5, die man auch erst am dritten Tag anschieben sollte um nicht Kudos zu verbrennen und dieses Schwert abzustumpfen. Man schreibt an die Stadt/Gemeinderäte und die heimische Lokalpresse rein informativ, dass ein lokaler Bürger als Tourist unrechtmäßig verschleppt wurde. An die MdL und MdB aller Parteien schickt man parallel ein detaillierteres Anschreiben mit Kopien von Verhaftungsdokumenten, Aktenzeichen der Botschaft und eine Bitte um Intervention.

Nach einer Woche kann man dann eine Pressekampagne lostreten mit Unterstützer-Liste im Internet und Unterschriftenlisten in lokalen Läden. Beim Auslegen einen Ringbuch-Ordner dabei haben in dem die Dokumente kopiert zum Vorzeigen sind, damit sich die Leute ein Bild machen können und emotional dabei sind, dann wird auch zum Unterschreiben aufgefordert und die Resonanz ist höher. Diese Phase 6 erfordert dann weniger Geld aber viel Zeit. Je nach Dauer der Verschleppung geht das dann bis zu Interviews, Medienarbeit und Talkshows.

Bei all dem sollten sich die Aktivisten auf jeden Fall gegenseitig absprechen, es muss koordiniert sein. Wenn zehn Leute beim MdB-Büro anrufen ist die Mitarbeiterin dort genervt und legt den Vorgang in den Spam-Korb. Wenn die gleichen zehn Leute beim Lokalredakteur der Tageszeitung anrufen, dann riecht der einen Scoop und steht auf der Matte. Man muss das abwägen.” (Komplett-Zitat von Alexander V.)

Video: Verschleppung einen Journalisten im Juni

About Reiserobby

Robert Niedermeier, Journalist (Reise, Lebensart, Gesellschaft)
This entry was posted in Blogbuch and tagged , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

One Response to Als Tourist von Polizei verhaftet und verschleppt – was tun?

  1. Excellent job on this article. I like your representation of your views. I would also like to thank you for interesting reading on this topic.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *