Aufklärung und Kultur: Homo-Propaganda vor 20 Jahren und heute

BRD/ Libanon

الفراء ماما

Zwei Aufklärungs-Videos geben Einblick in den Zeitgeist. Das erste stammt aus dem Jahre 1996 und wurde von einer Münchener Jugendgruppe produziert, das zweite Aufklärungsvideo von 2016 ist libanesischer Herkunft und warnt eindringlich vor gefährlichen "Homo-Heilern". Das ist durchaus gut und richtig. Doch Aufklärung geht zunehmend im Getöse unter. Seit 1996 hat sich deshalb auch nur wenig zum Besseren verändert. Im Gegenteil. Hass gedeiht im neoliberalen Treibhaus. Text: Robert Niedermeier, Foto: Screenshot: YouTube, Libanon

Aufklärung zum Thema Homo- und Bisexualität wird im Jahre 2016 als “Homo-Propaganda” verunglimpft. Davor gälte es Jugendliche zu schützen, warnen reaktionäre Gruppen. Diese Meinung ist nicht nur in der Russischen Föderation weit verbreitet. Auch in Deutschland radebrechen Neurechte über eine gefährliche “Homolobby”, die gewillt sei, das Volk dem Untergang zuzuführen. Diese Paranoia wird als Argument genutzt, homosexuellen Paaren die Zivil-Ehe zu verbieten oder tausende Menschen zu mobilisieren, um wider der Sexualaufklärung an Schulen zu demonstrieren. 20 Jahre nachdem in Deutschland der Anti-Homosexuellen-Paragraph 175 komplett gestrichen worden ist, sind LSBT nach wie vor gezwungen, für ihre gesellschaftliche Anerkennung zu streiten. Denn Sichtbarkeit ist in Deutschland noch immer ein Sicherheits-Risiko. Lesben, Schwule und Trans* werden bedroht, beschimpft und attackiert. “Homo-Propaganda” (Aufklärung) ist deshalb wichtig. Doch wer sind eigentlich Freund und Feind?

Vermeintlich muslimisch erzogene homosexuelle Personen im Zwielicht

Mehrfachdiskriminierungen sind homosexuelle Menschen arabischer Herkunft ausgesetzt. Sie werden in Deutschland rassistisch als “Südländer” und sexistisch motiviert als “Schwule” oder “Lesben” gruppenbezogen angefeindet. Zudem unterstellt man ihnen “kulturelle Defizite”, da es sich um vermeintlich muslimisch erzogene Personen handelt. Das ist blanker Kulturchauvinismus, der  lesbische und schwule Bürger mit arabischem Hintergrund unter Generalverdacht stellt. Nicht Xenophobie, sondern das “Fremde” steht stigmatisiert im Zwielicht. Lesben und Schwule mit arabischem Hintergrund fühlen sich nicht von Ungefähr oftmals genötigt, ihre “andere Kultur” entweder zu verteidigen oder sich radikal von ihrer “Herkunft”, “Kultur” und “Religion” zu distanzieren. Wenige muslimische Gemeinden bieten ihnen Schutzräume, aber es gibt sie. Ebenso säkulare Projekte innerhalb und außerhalb der “arabischen” Community, wo Rassismus und Sexismus rigoros auf Ablehnung stößt und gesellschaftliche Inklusion statt gruppenbezogene Ausgrenzung als erstrebenswertes Ziel gilt. Auf Gehör im Mainstream stoßen jedoch vermehrt Populisten wie der schwule CDU-Politiker Jens Spahn. Feindbilder schwarz auszumalen, wider der Faktenlage, gewaltbereite Homohasser als importiertes Problem zu beschreiben, ist sein Metier. Das stärkt rechtsradikale Parteien, die seit Jahrzehnten das Scheinthema “Ausländerkriminalität” ausschlachten. Einem Schwulen, der von deutschen Hooligans vermöbelt wird, hilft auch Spahns Burka-Verbot-Mantra nicht.

Aufklärung tut Not: Im Libanon und Deutschland gegen Homo-Heiler

In den wenigen arabischen Ländern, wo demokratische Strukturen vorhanden sind, versuchen arabische Aktivisten indes Vorurteile abzubauen. Davon können auch homosexuelle Menschen mit arabischen Hintergrund profitieren, die in Deutschland geboren oder aufgewachsen und heimisch geworden sind. Das Video aus dem Libanon stammt zum einen aus demselben “Kulturkreis” der Eltern und Großeltern, zum anderen verzichtet der animierte Film auf eine explizit erotische Darstellung, nimmt damit Rücksicht auf prüde Gemüter. Es ist also durchaus geeignet, der Mama, dem Papa, Onkeln, Tanten, Vereinskollegen und Freunden vorzuführen, die man nicht “provozieren” oder “konfrontieren”, sondern behutsam mit Fakten versorgen möchte. Der Kurzfilm wurde mit Unterstützung der schweizerischen Botschaft im Libanon von Jessica Azar animiert und thematisiert vor allem die “Normalität” von Homosexualität und warnt eindringlich vor gefährlichen “Homo-Heilern“. Aufklärung tut Not, um Vorurteile, Ignoranz und Unwissen abzubauen.

Rechtsextreme und Islamisten vereint gegen schwule Aktivisten

Beide Videos klären auf, doch mit unterschiedlichen Ansätzen. Das deutsche Projekt wurde Mitte der Neunziger Jahre vor dem Hintergrund einer gesamtgesellschaftlichen Liberalisierung realisiert. Wenige Jahre später wurde die Eingetragene Partnerschaft unter der rot-grünen Schröder-Kanzlerschaft eingeführt. Die Hauptstadt Berlin hatte einen offen schwulen Bürgermeister, die CSD-Paraden erwuchsen zu gigantischen Städte-Marketing-Events. Anders die Situation heute. Islamistische Gruppen führen nicht nur im Libanon einen bigotten Kulturkampf gegen die Menschenrechte von LSBT. Wohlgemerkt im Schulterschluss mit christlich-fundamentalistischen sowie rechtsreaktionären, deutsch-nationalistischen Kreisen. Obwohl die sich im “Kampf der Kulturen” eigentlich spinnefeind gegenüberstehen. Deutsche Faschisten nutzen die diffuse Angst vor einer “Islamisierung des Abendlandes”, um rassistische Vorurteile gezielt politisch zu instrumentalisieren. Absurd: Auch Homophile mischen munter mit. Dabei sind sich Faschisten aus allen Kulturkreisen im Punkto Homosexuellenfeindlichkeit einig.

Meinungsfreiheit wird mutwillig mit Hasspropaganda verwechselt

Das entlarvt die Schnittstellen zwischen Sexismus, Kulturchauvinismus und Rassismus. Diese Dreifaltigkeit vom Faschismus fällt im religiösen Fundamentalismus und im säkularem Extremismus auf. So lassen sich atheistische Homosexuelle im Namen ihrer Identität unreflektiert dazu hinreißen, den antimuslimisch motivierten Rassistinnen* das Wort zu reden. Umgekehrt nutzen Islamisten die unterkomplexe Stimmungsmache gegen den Islam geschickt aus: Sie präsentieren sich zurecht als Rassismus-Opfer, lenken von ihrer eigenen Täterschaft ab und schießen pauschal diskreditierend gegen jede Form von Kritik. Ähnlich üben sich auch AfD- oder NPD-Anhänger im Victim-Blaming. Zwischen den Fronten geraten liberale Demokraten: religiöse und nichtreligiöse Menschenrechtler. Identitätspolitik mutierte im modernen Kapitalismus von einer Errungenschaft für die persönliche, individuelle und selbstbestimmter Lebensweise zum identitären Kampfbegriff völkisch-nationalistischer und islamistischer Zirkel. Jeder fühlt sich in in seiner wahlweise völkischen und religiösen Identität von den jeweils anderen bedroht. Meinungsfreiheit wird dabei mutwillig mit Hasspropaganda verwechselt. Das Gegeneinander ausspielen von Menschen – es funktioniert. Im globalen neoliberalen Treibhaus gedeiht gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit prächtig. Solidarität geht flöten, wird unterm Banner einer ethnischen, respektive sexuellen Identität im Verteilungskampf um Ressourcen zu Tode gehetzt.

POC gegen Kartoffeln, Schwule gegen Schwarze – alles Scheiße!

Das treibt mitunter auch unter “linken” Bedingungen seltsame Blüten, die weniger humanistisch, denn tatsächlich verletzend wirken. So wurde im Herbst 2015 eine antirassistisch motivierte Veranstaltung (Rassismus unterm Regenbogen) in der “Werkstatt der Kulturen” von mutmaßlichen “Critical Whiteness”-Agitatoren regelrecht gesprengt. Vorzeitig verließen daraufhin viele lesbische, schwule, bisexuelle und heterosexuelle Personen in mehreren Gruppen nacheinander schweigend die Veranstaltung. Ihnen wurde aufgrund ihres “Weißseins” massiv vorgeworfen, sie verletzten durch ihre Anwesenheit einen “Schutzraum” für “People of Colour” (POC). Redebeiträge von “weißen” Menschen wurden mit Buh-Rufen und Beschimpfungen wie  “Weißbrot” und “Kartoffel” gestört. Das traf ausgerechnet Leute, die sich selbst als linksalternativ bis sozialliberal und Alliierte im Kampf gegen Rassismus einschätzen.

Kollektiv daneben: Wenn primitiver Chauvinismus wütet

Der wirklich interessante Vortrag des einzig verbliebenen Referenten Koray Yilmaz-Günay,(mir ist der Name im Tumult entfallen), ging im Getöse unter. Der schwule Berliner mit “türkischen Wurzeln” sprach über die im Neoliberalismus funktionierende und konstruierte Konkurrenz zwischen Menschengruppen im Verteidigungsmodus, die wegen der systembedingt erzwungenen Konzentration auf die eigene Identitätspolitik, kollektive Anstrengungen zur Besserung der Situation aus dem Blick verlören. In diesem Kontext liegt auch über der Errungenschaft eines komfortablen, menschenfreundliches Flüchtlingsheim nur für Queere ein Schatten. Keine Frage, LGBT sind besonders schutzbedürftig, allein erziehende Mütter und Väter, körperlich beeinträchtige, ältere, minderjährige Personen und traumatisierte junger Männer, ebenso Angehörige bestimmter religiöser Gruppen und Volksgruppen. Diese müssen alle geschützt werden. Das gelänge durch Sozialarbeiter vor Ort in professionell und human geführten Flüchtlingsunterkünften. Dass sich organisierte LGBT um ihre Klientel kümmern, mag logisch klingen, aber es ist nicht im Sinne von Inklusion, sondern separiert Menschen. Das ist reaktionär, da es eine Konkurrenzsituation identitär motiviert konstruiert. Der Verdacht liegt nahe, dass Verbände mit einer reinen, zunehmend auch identitär gekoppelten Konzentration auf die eigene Klientel, nicht auch eigene finanzielle Interessen verfolgen und somit wenig motiviert sind, etwas im Namen einer emanzipatorischen Gruppe, aber eben kollektiv, für alle Flüchtlinge zum Besseren zu verändern. Doch im Neoliberalismus ist man ja schon um jede Form der scheinbaren Verbesserung heilfroh. Traurig ist das. Indes wurden in der Neuköllner Werkstatt der Kulturen Hausverbote erteilt, geschubst, geschimpft und beleidigt während Rassisten und Faschisten die Veranstaltung virtuell auf Facebook mit Hasstiraden gegen Schwarze, Schwule, Muslimen und “Gutmenschen” in Grund und Boden trollten. Wo Aufklärung fruchten sollte, wütete primitiver Chauvinismus. Ein Fiasko. Aber noch lange kein Grund klein beizugeben.

Der Gegner des sozialen Wesens Mensch ist reaktionär

Es bleibt dabei: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Das ist keine Ideologie, sondern wissenschaftlich bewiesen. Angst ist ein Warnhinweis, aber eben kein guter Berater. So hilft es nicht, Ängste zu schüren. Wo sich Vorurteile scheinbar bestätigen, gilt es zu differenzieren. Unterschiede sind zu tolerieren, das Grundgesetz gilt: Vielfalt darf gezeigt und gelebt werden. Das muss der kleinste gemeinsame Nenner sein. Wer Hass auf Menschengruppen verbreitet, Gewalt androht und anwendet, eine Menschengruppe pauschal abwertet, egal, ob sexistisch, chauvinistisch, antisemitisch oder rassistisch angetrieben, wendet sich gegen die Grundwerte der Zivilisation. Zur Zivilisation gehört es auch, sich zu kümmern, eine dem Menschen zugewandte Politik zu betreiben heißt, den sozialen Frieden zu sichern. Zügelloser Kapitalismus ist menschenfeindlich. Denn dort, wo soziale Verwerfungen wachsen, fallen Sexismus und Rassismus auf gewaltbereiten Boden. Asozial ist nicht normal. Wir brauchen gar keine sozialistische Revolution, sondern die bürgerliche Wiederherstellung der sozialen Marktwirtschaft. Das stärkt die Demokratie und Menschen. Die Restaurierung des Sozialstaates schafft die Basis, Bildung fruchten zu lassen, bietet den Boden für die Entfaltung der individuellen Freiheit und Sicherheit. Multikulti ist nicht gescheitert. Der Gegner ist nicht arabisch, nicht schwarz, nicht weiß, nicht schwul, lesbisch, hetero, trans* und bisexuell, weder amerikanisch, russisch oder chinesisch, noch jüdisch, christlich oder muslimisch, auch nicht atheistisch, der Gegner des sozialen Wesens ist reaktionär.

Aufklärung von 1996 bis 2016: Beide lobenswerte Videos im Überblick

Aber jetzt endlich zu den zwei sympathischen Lichtblicken. Viel Spaß beim Dazulernen. >>> Die Jugendgruppe Tadzio (Vorgänger vom Münchner Mediennetzwerk queerelations) gab bereits in den 90ern magazinhaften Einblick in die schwule Welt. Mit Spielfilmszenen, Informationen und einer Moderation zeigt das Video alles, was man zum Coming Out damals wissen musste. Selbst die Musik war aus eigener Werkstatt: “Come out, be gay, enjoy your life and go your way!”. „Professionell, temporeich, witzig, sensibel und selbstironisch wird mit Klischees über Schwule gespielt.” (aus der Verleihung des Hauptpreises beim 14. Jugendfilmfest in München)”<<<

>>> “Shu el Sabab? (Was ist die Ursache?): Ist eine der am häufigsten gestellten Fragen in Bezug auf Homosexualität im Libanon. Manch Psychiater im Libanon führt nach wie vor verschiedene Umwandlungstherapien durch. Gegen die Empfehlungen der internationalen und libanesischen Gesundheits-Organisationen. Die libanesische Gruppe LebMASH produzierte zwecks Aufklärung einen Kurzfilm, um gegen sogenannte “Homo-Heiler” anzugehen. Denn der Versuch, homosexuelle Menschen in heterosexuelle umzuwandeln, stellt psychische Gewalt dar. Niemand kann von der Homosexualität geheilt werden, weil es eben gar keine Krankheit ist. Das Video in arabischer Sprache mit englischen Untertiteln leistet einen Beitrag zur Aufklärung.<<<

About Reiserobby

Robert Niedermeier, Journalist (Reise, Lebensart, Gesellschaft)
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