Rostock-Lichtenhagen oder Berlin-Neukölln – wo leben Schwule sicherer?

Vorurteile

Schwule Stigma-Spirale

Xeno- und Homophobe sind zwei wirklich blöde Schwestern: Gegen Dummheit ist zwar kein Kraut gewachsen, doch desinformativer, teils faschistoider Propaganda muss widersprochen werden. Die schwule Spirale der Stigmatisierung der muslimischen Minderheit in Deutschland gehört beendet. Die stete Wiederholung von Falschaussagen erhöht nicht ihren Wahrheitsgehalt. Schwule Aufklärung ist gefragt. Text: Robert Niedermeier, Foto: Reiserobby

Im Kabinett der sogenannten Islamkritik finden auch besorgte schwule Protagonisten ihren Platz: Gabel, Krause, Berger, Spahn. Ihr Vorwurf lautet: Moslems griffen Schwule häufiger körperlich an als Nichtmoslems. Dafür gibt es keine Belege. Wahr ist, dass es in Sozialen Brennpunkten häufiger zu Gewaltdelikten kommt als woanders. Für Schwule ist das Risiko in gewissen Vierteln von Rostock genauso hoch wie in Duisburg. Obwohl in Duisburg weitaus mehr muslimisch geprägte Menschen leben als im Nordosten der Republik. Berlin liegt in einer von schwulen Männern erstellten Kriminalitäts-Statistik an dritter Stelle. Beleidigungen und unflätige Bemerkungen sind in die Gesamtzahlen einer älteren aber nach wie vor kursierenden und damals harsch kritisierten Maneo-Umfrage mit eingeflossen. Nebenbei bemerkt: In Berlin wird jeder unflätig schräg angemacht. Das gehört hier zum Sprachgebrauch. Doch erneut behaupten Leser-Kommentatoren auf Queer.de, Moslems griffen Schwule stets körperlich an, andere würden lediglich mal ein bisschen diskriminieren. Das ist, gelinde ausgedrückt, rassistischer Dung.

Allgemeine Gewalt gegen LSBTTIQ: Ständige Meldungen über Überfälle

Unfug von Krause ist Berger stets eine lobende Empfehlung wert.

Unfug von Krause ist Berger stets eine lobende Empfehlung wert.

In der bundesweit einheitlichen Kriminalitätsstatistik der Polizei tauchen Zahlen zur Gewalt gegen LSBTTIQ nicht gesondert auf, doch viele lesbisch-schwule Gruppen und Anti-Gewaltprojekte sammeln Zahlen, werten sie mehr oder weniger stichhaltig aus, interpretieren und insistieren – bislang Ergebnisoffen. Das Archiv Justiz vom Schwulen* Museum in Berlin liefert indes keine Hinweise für die These, die eine religiöse Minorität kurzerhand unter Generalverdacht stellt: Muslime in Deutschland, gemessen am Bevölkerungsanteil, seien gefährlicher für Leib und Leben von Lesben und Schwulen als Christen, Juden oder Nichtgläubige. Fakt ist: “Mordfälle an Schwulen würden “extrem grausam verübt”, so der Archivar. Die gute Nachricht ist, dass die Mordrate gesunken ist: “Waren es Ende der 1980er Jahre noch 30 Tötungsdelikte, sind es heute nur noch fünf pro Jahr”, sagt Dobler, fügt jedoch an: “Die allgemeine Gewalt gegen Schwule hat kaum abgenommen. Ständig gibt es Meldungen über Überfälle.” Das Motiv: Hass auf Homos. Einem besonders hohen Risiko sind Männer-Pärchen ausgesetzt, wenn sie in der Öffentlichkeit Händchen halten oder Zärtlichkeiten austauschen. Sie werden zumeist in aller Öffentlichkeit von Tätern zur Zielscheibe erklärt, beschimpft, geschlagen und getreten.”, schrieb ich am 25.10.2014 für Queer.de über das Mord- und Totschlag-Archiv im Berliner Schwulen* Museum.

Das sehr katholische Aachen hat die blutige Nase in allen Kategorien vorne

Zustände in Kreuzberg

Zustände in Kreuzberg
Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Islamisierung und Schmiererein – alles ist möglich, man muss es sich nur vorstellen mögen.

Kriminalistische “Rosa Listen” werden von vielen lesbisch-schwulen Lobby-Verbänden und politischen Vertretern abgelehnt. Zu groß ist die Angst, nach Jahrhunderten der gezielten Verfolgung, dass diese polizeilichen “Listen”  wider den Interessen von LSBT-Personen zum Einsatz kommen. Auch deshalb fehlen stichhaltige Belege über Täterprofile. Des Themas nahm sich das Berliner schwule Antigewalt-Projekt MANEO bereits vor fast zehn Jahren an. Wühlt man sich durch das Gewirr an “Straftaten” und “Übergriffen” wird man lediglich ein bisschen schlauer. Demnach gilt für Berlin: Dort, wo nahezu keine Muslime wohnen (Friedrichshain, Lichtenberg, Hohenschönhausen) ist der Anteil schwuler Gewaltopfer höher als etwa im laut designiertem Ex-Bürgermeister B. drohenden “Gottesstaat” Neukölln. Bundesweites Beispiel: In Rostock fallen prozentual gemessen an der Gesamtbevölkerung mehr Schwule homofeindlich motivierter Gewalt zum Opfer als in Berlin, wo im Gegensatz zu Rostock eine große lebendige muslimische Gemeinde existiert. Das sehr katholische Aachen hat die Nase in allen Kategorien vorne, auch was Raub, Erpressung sowie Nötigung betrifft. Aber wir reden ja von Gewalt gegen LSBTIQ, die angeblich im besonderen Maße von Muslimen ausginge. Das ist nach allen Erkenntnissen eine Falschbehauptung. Stöbert euch aber mal selbst einmal unvoreingenommen durch die Umstrittene Maneo-Umfrage 2007.

Schwule Stigma-Spirale: Szenario einer realen Bedrohung konstruiert

Schwules Pärchen im Madrid

Schwules Pärchen im Madrid

Doch Achtung, mal eben bei Maneo checken, was die zu Moslems meinen, ist fahrlässig. Die Zahlen von Maneo, das hat der Journalist Norbert Blech bereits im Mai 2007 ermittelt, sind keinesfalls wissenschaftlich verifiziert. Die Studie ist offenbar fingiert worden, lediglich Teil einer schwulen Spirale rassistischer Stigmatisierung: “Von gezielten Manipulationen spricht ein anonymer “Frank”, der sich bei der Queer.de-Redaktion gemeldet hat und sich als “Aussteiger” bezeichnet. Aussteiger aus einem Subbereich der schwulen Szene, der sich vom Islam bedroht fühlt und Muslime generell als Feindbild bekämpft. Frank schreibt in einer anonymen E-Mail, er habe den Fragebogen “bestimmt 10 Mal mit unterschiedlichen Angaben ausgefüllt” und Türken als Täter angegeben. Es sei ihm darum gegangen, das Szenario einer “realen Bedrohung” aufzubauen. Er kenne “mindestens fünf” Bekannte, die ähnliches getan hätten. Auch habe er dem Überfalltelefon telefonisch zwei erfundene Übergriffe gemeldet: “Das war unglaublich leicht, die sind so unglaublich dumm und sind einfach zu instrumentalisieren” – da auf diesem Weg jährlich nur rund 200 Fälle homophober Gewalt gemeldet werden, haben diese Anrufe noch größere Auswirkungen auf die Statistik als bei der Online-Umfrage. Mittlerweile schäme er sich für den “eigenen Rassismus”, den er auch in zahlreichen Forenbeiträgen auf den unterschiedlichsten Webseiten, darunter queer.de, verbreitet hätte. Einen Beweis für die Manipulation der Maneo-Studie liefert die anonyme Quelle nicht, Rückfragen sind nicht möglich.” Queer.de 2009: Maneo-Umfrage gezielt manipuliert?

Fatale Logik: Rassistische verfälschte Umfragen besser als keine?

Der Skandal schlug Wellen. Gegenüber Blu.fm bezog später Maneo-Mitarbeiter Bastian Finke im August 2009 Stellung: “Es wurde von unserer Seite aus nie erklärt, dass es sich bei unserer Studie um eine repräsentative Studie handelt. Eine solche ist ja auch gar nicht möglich. Es gibt deswegen ja bislang auch keine und es wird sie vorerst auch nicht geben. Denn dazu müsste Homosexualität ein leicht und eindeutig abgrenzbares Merkmal sein, was es nicht ist. Von daher können wir nur auf eine hohe Beteiligung zielen und darauf unsere Aussagekraft beziehen. Das ist besser als gar keine Umfrage.” Blu.fm-Interview mit Bastian Finke vom 18. August 2009

Ausgrenzung: Frustrationen entladen sich all zu häufig in Gewalt

Wer ist liberaler, wenn es schwulen Sex geht. Papst Franziskus oder Pierre Vogel

Wer ist llockerer, wenn es schwulen Sex geht. Papst Franziskus oder Pierre Vogel

Auch Moslems sind Täter, keine Frage, in den sozialen Brennpunkten wie Kreuzberg und Neukölln treiben sich aggressive, homophobe junge Männer herum. Dieselbe nichtmuslimische, “bio-deutsche Klientel” begegnet man in Lichtenberg oder Marzahn als lesbisches- oder schwules Pärchen gleichfalls besser nicht. Das eine Risiko ist nicht schlimmer als das andere. Doch bitte: Xenophobie und Homophobie sind zwei sehr dumme Schwestern. Heißt: Die sind miteinander verwandt, entspringen denselben diffusen Ängsten aus denen Abscheu und Gewalt erwächst. Ferner ist es problematisch im Kampf gegen Homofeindlichkeit und Gewalt gegen LSBTTIQ den sozialen Hintergrund der Täter auszuklammern. Ausgrenzung ist ein Frustfaktor. Frustrationen entladen sich all zu häufig in Gewalt. Das ist keine Entschuldigung, sondern ein Hinweis darauf, wo Gewaltprävention ansetzen muss. Menschen unter Generalverdacht zu stellen, ist unzivilisiert. Wir müssen die Zivilgesellschaft stärken, indem wir die Situation in sozialen Brennpunkten für alle Menschen verbessern. Dialog fördern statt Vorurteilen den rechtsreaktionären Weg zu ebnen, ist ein unbedingtes Muss.

Merkmal des Faschismus’: Minderheit zum Sündenbock abstemplen

Gegen Dummheit ist zwar kein Kraut gewachsen..., doch desinformierende Fascho-Propaganda muss widersprochen werden.

Gegen Dummheit ist zwar kein Kraut gewachsen…, doch desinformierende Fascho-Propaganda muss widersprochen werden.

Was bleibt: Wer einigermaßen seriös recherchiert, kommt zum Ergebnis, dass in Gegenden mit sozialen Schieflagen und hohem Zuwanderungszahlen sowie einem hohen Anteil von Personen mit einem Migrationshintergrund, “tendenziell” ein leicht proportionales Übergewicht an Gewalttätern mit Migrationshintergrund zu beobachten ist. Doch die schlagen auch nicht zu, weil ein Gott es ihnen einflüstert, sondern aus Frust, der sich homophobisch motiviert in Gewalt entlädt. In Gegenden mit sozialen Schieflagen, wo es kaum Menschen mit Migrationshintergrund gibt, gibt es nicht weniger Gewalt gegen LSBTTIQ. Falschbehauptungen stets zu wiederholen, macht rechtsradikale Propaganda eben nicht faktenreicher. Wer jedoch gesellschaftliche Probleme – und Homo-Aversion ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, einer Minderheit im Land in die Schuhe schiebt, der, das bestätigen alle politischen Analysen, ist ein(e) FaschistIn oder bedient sich faschistoider Methodik. Nicht die LSBTIQ selbst sind schuld, aber auch “die Moslems” oder “der Südländer” nicht. Das Problem ist komplex. Mit einer schwulen Spirale der Stigmatisierung ist niemandem geholfen.

“Wenn irgendwo im Land ein Inder durchs Dorf gejagt wird, regt sich jeder auf, aber ein Bushido darf hier singen”, hämpelte ein schwuler weißer deutscher Funktionär vor einigen Jahren. Wie gesagt: Xeno- und Homophobie sind die zwei dümmsten Chauvi-Schwestern aus der Deppendisko. Beiden gehört ein Hausverbot erteilt – auch im Schwulen-Club.

Über Reiserobby

Robert Niedermeier, Journalist (Reise, Lebensart, Gesellschaft)
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