Querfront der Putinisten versus Homosexuelle – Griechenland wird zur Gefahr

Griechenland

Antiqueere Querfront

Was in Deutschland bei durch geknallten Querfront-Apologeten wie Jürgen Elsässer und Ken Jebsen zurecht als grotesk kritisiert und strikt abgelehnt worden ist; den rechten und linken Rand im Sinne der nationalen Einheit zu verschmelzen, stellt für deutsche Linke beim nun real existierenden griechischen ‪‎Linksfaschismus, plötzlich eine interessante Kooperationsentscheidung dar. Die Hinwendung der griechischen Querfront-Regierung zwischen Postkommunisten und "Rechtspopulisten" zum Putinismus bedeutet ein reelles Risiko für Juden und Schwule. Zeit, Alarm zu schlagen.Text: Robert Niedermeier, Foto: Spon, Screenshot

Update: >Der Europarat kritisiert den Umgang Griechenlands mit Einwanderern und Homosexuellen. Die Regierung in Athen weist die Vorwürfe zurück.< (Weiterlesen auf Queer.de) +++ Parteiloser mimt das Feigenblatt der Querfront-Regierung. Griechenland setzt irgendwann endlich ein EU-Urteil zum diskriminierenden Partnerschaftsgesetzt um. Mehr gibt es nicht zu vermelden. Die Aufhebung des Zivil-Eheverbots und die Streichung von weiteren für LSBT nachteiligen Gesetzen lehnt die Querfront-Regierung nach wie vor kategorisch ab. >Der neue griechische Justizminister Nikos Paraskevopoulos hat am Montag im Parlament angekündigt, dass seine Regierung schwulen und lesbischen Paaren die Eintragung einer Lebenspartnerschaft ermöglichen will. Einen Zeitrahmen nannte der parteilose Minister nicht.> (Weiterlesen auf Queer.de) +++ Anel und Kirche gegen “Ehe-Light” +++

Wahlsieger Alexis Tsipras (Syriza) macht Nägel mit Köpfen. Ohne überhaupt erst mit Linken und Liberalen gesprochen zu haben, sitzen die (gemäßigten) Neo-Faschisten von Anexartiti Ellines (ANEL) mit im Regierungsboot. Einen Tag nach dem mit Hoffnung erkauften und großem Pathos gefeierten Wahlsieg. Das Volk begehre nun auf und Griechenland erwache, hallt es durch die Nachrichtenkanäle aus Griechenland herbei. Volkszorn, Antisemitismus und der Hass auf den “dekadenten Westen” sind Vorzeichen, die Homosexuelle zurecht fürchten. Panos Kammenos sieht Griechenland in der Geiselhaft von “Internationalen Banden”, verortet das Böse im Ausland, statt Korruption im Inland anzuprangern. Tut er das, schiebt der Semifaschist es kurzerhand den Juden in die Schuhe, indes der Hasardeur als Verteidigungsminister alte Konflikte mit der Türkei, dem “osmanischen Erzfeind”, neu anheizt. Chef Alexis Tsipras schwadroniert von der “Verbundenheit mit dem russischen Volk” im Kampf gegen die Faschisten im Westen, doch wirbt in der Heimat um die Gunst der Theofaschisten von der orthodoxen Kirche. Rückschritte für die gesetzliche Gleichstellung und gesellschaftliche Akzeptanz von LGBT sind in diesem Klima vorprogrammiert.

Querfront: Anel-Verkehr mit Putin – Syriza mimt den Fluffer

Weiland spielen Pressorgane von rechts bis links die griechische Querfront herunter. Die neue nationalistische Rot-Braun-Regierung wendet sich ideologisch dem autoritären Putinismus zu. “Zeit, Alarm zu schlagen”, findet auch Professor Claus Leggewie in einem von Putinisten im Eiltempo zugetrollten taz-Kommentar. Wie große Teile der rechtsnationalen AfD in Deutschland oder die Front National in Frankreich, sympathisiert auch die griechische Fan-Allianz mit dem autoritären Führungsstil Putins. Die Querfrontler blicken nach Russland. Nationales Erwachen, Verschwörungstheoretiker an der Macht und die erzkonservative, zutiefst homophobistische orthodoxe Kirche bieten auch in Griechenland, die für LSBTTIQ stets höchst riskanten Parameter. Ein schauriger Cocktail, der das Potential bietet, Griechenland zur Hölle für Schwule umzugestalten.

Hoffnung ist ein gefährlicher Frust-Generator

In Russland führte der krude Mix aus antiwestlichen Ressentiments und tradierte Homofeindlichkeit längst dazu, dass die Obrigkeit dort Lesben- und Schwulengruppen als feindliche, vom Ausland gesteuerte Spione diffamiert und verfolgt. Lesben, Trans* und Schwule schickten sich schließlich an, die moralische Grundordnung des Vaterlandes zu unterminieren. Der Untergang Russlands sei ihr erklärtes Ziel, nicht etwa die rechtliche Gleichstellung oder der Schutz vor Banden organisierter, homophob motivierter Gewalt. Die Gefahr für Homosexuelle ist real, dass diese Form der ideologisch aufgeladenen kollektiven Paranoia auch Griechenland erfasst und Schwule wie Juden zu Sündenböcken erklärt werden. Erst recht, wenn die von der neuen Regierung versprochenen Wunder ausbleiben und die Hoffnung dem gesteigerten Frust weicht. Selbst Solidaritätsbekundungen von Menschenrechtlern aus liberalen EU-Ländern, dürften LSBTTI in diesem griechischen Gebräu aus antieuropäischer Stimmungsmache, einer im Christentum tief verwurzelten Homophobie und braunem Gedankengut – nicht nur politisch – zum Verhängnis werden.

Status Quo: Soziale Probleme werden gegen Schwule ausgespielt

Die rechtliche Gleichstellungen ist in Griechenland noch nicht erreicht. Vielmehr diskriminieren nach wie vor “Unzucht-Paragrafen” besonders schwule Männer. Ein antiwestlicher Kurs, eine ideologische Hinwendung zum orthodox-christlichen, nationalistisch-völkischen Putinismus, dürften die Situation wohl kaum verbessern. Im Gegenteil. Optimistinnen in Griechenland setzen jedoch auf das Prinzip Hoffnung – immerhin gebe es bei der Syriza auch LGBT-Gruppen. Anbetracht der Tatsache, dass auch die homofeindliche deutsche AfD mit Homo-Zellen aufwartet, ist die Existenz von Interessengruppen kein Beleg zum parteiinternen Willen, liberale Positionen Oberhand gewinnen zu lassen. Vielmehr steht die bereits munter als “abstrakte Freiheit” herabgewürdigte Homogleichstellung auf der Syriza-Agenda hinten an. “Soziale Rechte für alle” werden gegen individuelle Freiheitsrechte ausgespielt. Homofeindliche Twitter-Tiraden von ANEL-Agitatoren gegen die “schwulen Kumpel” von der EU oder pseudowissenschaftliche Anti-Homoehe-Zitate des regierenden Hoffnungsträgers Alexis Tsipras geben Pessimisten recht. Wieder einmal geraten Lesben, Schwule und Trans* zwischen den ideologisch zementierten Fronten in die Schusslinie.

Querfront wie von Elsässer und Jebsen erträumt

Was in Deutschland bei durchgeknallten Querfront-Apologeten wie Jürgen Elsässer und Ken Jebsen zurecht als grotesk kritisiert und strikt abgelehnt worden ist; den rechten und linken Rand im Sinne der nationalen Einheit zu verschmelzen, stellt für deutsche Linke beim nun real existierenden griechischen ‪‎Linksfaschismus, plötzlich eine interessante Kooperationsentscheidung dar. Das ist strange. Auch durchaus schockierend: Die Morgenröte seien die schlimmeren Nazis, beschwichtigen deutsche Syriza-Fans, “mal abwarten” wie mit Flüchtlingen umgegangen wird, “nicht reflexartig reagieren”, lauten die verharmlosenden Töne in den Sozialen Netzwerken.

Gelenkte Demokratie: Schulterschluss der Orthodoxen Kirchen

Die Gleichsetzung von EU mit Nazideutschland – aufgrund der Austeritätspolitik (Sparen) – , und die antisemitischen Vorwürfe des Führers der “Unabhängigen Griechen”, Panos Kammenos, die Juden seien Schuld an der Krise, weil diese keine Steuern an den griechischen Fiskus zahlten, sind nur wenige Beispiele für eine rechtsradikale Gesinnung. Auch die Inhalte der “Rechtspopulisten” sind schlicht indiskutabel. Griechische “Verhältnisse” hin oder her. Die politische Vernunft und die Moral lassen es einfach nicht zu, dass Die Linke und andere demokratische Parteien und Regierungen in Europa mit einer nun real existierenden “linksfaschistischen” Regierung unter dem Dach der pluralistischen, demokratischen Europäischen Union zusammenarbeiten. Diplomatische Beziehungen auf Sparflamme. Mehr nicht, so lange Semifaschisten am Verhandlungstisch sitzen, die der “gelenkten Demokratie” und “orthodoxen Gemeinsamkeit” das Wort reden. Griechenland 2015 ist nicht Nicaragua 1978, der paternalistische Helferinstinkt mitteleuropäischer Salon-Linken deshalb fehlplatziert. “Angst im Angesicht der Querfront”, titelt heute der oftmals überbesorgte schwule taz-Redakteur Jan Feddersen. Diesmal sind seine Sorgen berechtigt. Der Applaus von links für die rot getünchte Reaktion in Griechenland ist es nicht.

P.S. Syriza-Fans sind indes eifrig bemüht, die verbalen Entgleisungen und Lügenreden des Anel-Chefs zu relativieren und zu beschönigen: 

>“We see that Orthodoxy, which Mr Samaras cites in his article, his government took most of the decisions that are against the Church of Greece; cremation, civil partnerships for homosexuals, taxation just for the Orthodox religion. Buddhists, Jews, Muslims are not taxed, the Orthodox Church is taxed and in fact is at risk of losing its monastery assets,” Kammenos said.

Übersetzt heißt das: “Samaras beruft sich auf die orthodoxe Kirche, aber seine Regierung hat die schärfsten Entscheidungen gegen die griechische Kirche getroffen; die Feuerbestattung wurde erlaubt, auch die Verpartnerung von Homosexuellen und die Steuerpflicht für die orthodoxe Kirche eingeführt. Während Buddhisten, Juden und Muslime keine Steuern zahlen müssen, muss die orthodoxe Kirche das und wird sich bald ihre Klöster nicht mehr leisten können.”< (Misk.at)

Bedeutet: Kammenos lügt, denn es gibt in Griechenland keine Verpartnerungsgesetz für Schwule, Kammenos greift indes Juden und andere Minoritäten in Griechenland mit Falschbehauptungen an, um seine theofaschistischen Freunde von der ultrakonservativen und nationalistischen Orthodoxen Kirche als Opfer (Märtyrer) der Demokratie darzustellen. Was für ein mieser Chauvinist. Fu** off.

 

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Robert Niedermeier, Journalist (Reise, Lebensart, Gesellschaft)
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8 Kommentare zu Querfront der Putinisten versus Homosexuelle – Griechenland wird zur Gefahr

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  2. Stefan sagt:

    Ich bin etwas irritiert. Tsipras hat sich in einem Interview dafür stark gemacht die Ehe für Lesben und Schwule zu öffnen und sich für LSBTIQ* Rechte einsetzen zu wollen.

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass Tsipras das mit einem Wisch von seiner Agenda vrschwinden lässt. Gibt es hierfür Hinweise?

  3. Mumbo sagt:

    Hej Robby.
    Ich lese deinen Blog relativ regelmäßig, und stimmte dir bislang weitgehend kommentarlos zu.
    Die Verwendung der Vokabel “Linksfaschismus” macht mich jedoch stutzig-
    hätte es in dem Fall nicht auch irgendwie ohne Naziduktus funktioniert? Faschismus ist perse Rechts, und den Begriff auf Linke zu übertragen (unabhängig davon wie sie agieren) stellt eine unzulässige Übertragung dar. Nicht umsonst wird diese Vokabel nur von sehr rechten Konservativen und handfesten Nazis benutzt-
    oder bei internen Grabenkämpfen innerhalb linker Bewegungen. Extrem polemisch – und dazu, dem doch eher hohen Niveau, das dein Blog sonst an den Tag legt – entgegenstehend ist er.

    Verwirrt, aber mit sonnigen Grüßen
    Mumbo

  4. HELL Sepp sagt:

    Grüß Gott!
    Also, ich muss mich doch sehr wundern: Griechenland hat es zur Zeit wahrlich nicht leicht; und es ist hier wohl auch nicht die angemessene Stelle, die ganze Misswirtschaft der vergangenen Jahrzehnte auszudiskutieren. Noch weniger will ich hier auf all jene nahe- oder fernliegenden Verschwörungstheorien eingehen.
    Dass aber gerade jetzt ausgerechnet eine künstliche oder gekünstelte Diskussion über bzw. durch Randgruppen entfacht wird, erscheint mir einfach komisch – oder fehl am Platz. Der Durchschnittsgrieche muss sich irgendwie über Wasser halten, und das auch vielleicht und hoffentlich auch mit Hilfe der Kirche – und da kommt ihr daher mit euren Sonderinteressen. Geht’s noch?
    Wahrscheinlich läuft es ohnehin auf irgendeinen (eher rechten) Putsch hinaus; und dann wird man sich auf der Grundlage nahelegender Zugeständnisse (Abendland – Mittelmeer) auch finanziell zusammenraufen …
    HELL Sepp

  5. sebastian sagt:

    Ich bin schwul und finde den Westen auch dekadent.

    Alleine die Kriege, die nichts weiter als Verbrechen sind, werfen kein gutes Licht auf den sog. Westen.

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