Unesco Weltkulturerbe Fado – auf musikalische Tour mit Fado-Insidern in Lissabon

Portugal: Obrigado Fado – zum Weinen schön
Ein Streifzug durch die Gefühlswelt und Kneipenlandschaft Lissabons mit Fadosänger Telmo Pires

Von Robert Niedermeier

(srt) Fado ist der Klang Lissabons. Deshalb lebt Fadosänger Telmo Pires am Tejo erst richtig auf. Der Wahl-Berliner kennt die Schauplätze seiner portugiesischen Musik. Deutsche Touristen mögen das Seelenleben des Fado – die Saudade – vielleicht nicht begreifen, können es aber erspüren.

Die beiden Künstler fallen sich in die Arme. “Es war sehr schön, obwohl ich nicht geweint habe”, schmunzelt Telmo Pires. “Wie schade…”, scherzt Ana Lains zurück. Draußen lacht die Nachmittagssonne über Lissabon. Soeben ging das Promotion-Konzert des weiblichen Fado-Stars zu Ende. Einige Fans, die noch auf Autogramme hoffen, haben feuchte Augen bekommen. Und auch Telmo Pires ist trotz fröhlicher Miene zu Tränen gerührt.
Als er seine Kollegin begrüßt, verballhornt der Mittdreißiger eine regional übliche Redewendung: “Wir haben viel geweint, denn es war ein schöner Abend, heißt es, wenn man die Fadistas in den Fado-Vierteln loben möchte”, klärt Pires auf. Er ist Fadista, ein Fado-Interpret, in Portugal geboren und in Deutschland aufgewachsen: “Dank meiner Eltern verlor ich nie den Draht zum Fado.” Portugals Gesang auf die Spur kommen, das können auch Besucher, verspricht Pires, bezweifelt aber, dass sie die Saudade – die Seele des Fado – begreifen.
Im rosa getünchten Fado-Museum betrachten Touristen indes das berühmte Gemälde “O Fado” von José Vital Branco Malho: Eine üppig ausgestattete Dame schmachtet den Gitarre spielenden Sänger an – inmitten einer ärmlichen Stube scheint die Luft erotisch geladen und melancholisch zugleich.
“Gestern Abend beim Jorge Fernando-Konzert war das nicht anders”, erklärt Pires. Das Fado-Ereignis fand im ausverkauften Cinema São Jorge statt. Es ist einer der vielen ehemaligen Kinopaläste entlang der Avenida da Liberdade, jener Prachtstraße, die vom Königspark ausgehend in den barocken Kern des schachbrettgleich errichteten Viertels Baixa mündet. Östlich vom Baixa, im Altstadtviertel Alfama kommen die Touristen der Saudade im Audio- und Video-Salon des Museums näher. Via Flachbildschirm blicken sie auf Amália Rodrigues und goutieren per Kopfhörer die großen Erfolge der hoch verehrten Diva.
Vom Museum aus geht es nun zu Fuß durchs Viertel weiter. Die unzählig oft fotografierte Straßenbahn Nummer 28 rattert an der Kathedrale Sé de Lisboa und dem Aussichtpunkt Santa Luzia vorbei. Kunsthandwerkerinnen werkeln, bunte Wäsche trocknet flatternd an opulent gekachelten Häuserfassaden im Wind. Und überall wuchert das Grün aus den roten Dachziegeln empor. “Im Winter regnet es viel”, begründet Pires das saftige Moos auf den Steinstufen entlang des steilen Weges Richtung Clube de Fado. Das relativ große Lokal bereitet sich im ockerfarbenen Licht des beginnenden Sonnenuntergangs auf die Abendgäste vor. “Teure Touristen-Folklore”, warnt der Experte und genießt ein paar Meter weiter den kostenlosen Weitblick über die Tejo-Mündung bis zur Brücke des 25. April hinüber zur Jesus-Statue.
Später beim Abendessen – Schweinefleisch mit Muscheln – im Westteil der Innenstadt: “Echten Fado finden wir hier im Bairro Alto”, erklärt Pires in der Kantine des historischen Casa do Alentejo. Eine Tischnachbarin macht dem Sänger schöne Augen. Pires ist ein gut aussehender Gegenbeweis für das stets kolportierte Gerücht, Fado würde nur von Frauen gesungen. “Vielleicht als die Männer noch auf großen Seefahrten verloren gingen, aber das änderte sich im 20. Jahrhundert”, weiß der nach Fernsehauftritten auch in Portugal populär gewordene Wahl-Berliner. Beim Dessert rührt sich Lampenfieber: “Wir müssen los!”
Zu Fuß sind es nur wenige Minuten bis zum Auftrittsort. Die authentische Fado-Kneipe Tasca do Chico ist proppenvoll. Telmo Pires tritt in die Mitte des Schauplatzes, alles ist still, er beginnt zu singen: Herzzerreißend schön, tieftraurig und voller wehmütiger Romantik sein Timbre – Applaus. Beeindruckt von den großen Vorbildern, die als Galerie an der Wand des winzigen Raums hängen, “hätte ich mich beinah nicht getraut zu singen”, gibt der Sänger anschließend zu. Später geht es weiter zur nächsten Fado-Kultstätte: Adega Machado.
“Hier sollen die Besitzer die große Amália entdeckt haben”, gibt Pires eine Anekdote aus dem Reich der Fado-Legenden kund. Die Front des Traditionshauses ist mit spielerischen Kachel-Mosaiken verziert. Blumen und verschiedene Muster rahmen eine überdimensionierte Gitarre ein: “Die Wirte bedienen komplette Touristen-Gruppen an langen Tischreihen, häufig wird unverfälschter Fado gespielt”, sagt Pires beim Weiterschlendern durch die engen Kopfstein-Gassen.
Eine Ecke weiter residiert das selbst deutschen Reisebüros geläufige, aber im Sommer von Bürgern Lissabons gemiedene Café Luso: “Für Künstler, die Geld verdienen wollen”, zeigt sich Pires gelangweilt und ruft plötzlich aufgeregt: “Dort, das ist Pedro Moutinho.” Der unscheinbare Dreitagebartträger in Schwarz ist Musiker und wie dessen Bruder Camané ein großer Star der Fado-Szene. Heute Nacht zieht es ihn, am Luso vorbei, ins Faia, ein kleines, vornehmlich von Einheimischen frequentiertes Lokal. Kein Getränkezwang, Tischreservierung ist nicht nötig, dafür entzückt ein verräucherter mit allerlei Tand und Fußballerschals vollgestopfter Raum. Dicht gedrängt vergnügen sich die Gäste an ihrer vom Fadista mit Inbrunst angefachten Traurigkeit. “Das bedeutet Saudade – ein trauriges Gefühl lieben zu lernen”, flüstert Pires.
Dichter Fernando Pessoa glaubte, Saudade sei für Ausländer unbeschreiblich: “Nur Portugiesen können dieses Gefühl kennen, weil nur sie dieses Wort besitzen, um es wirklich beim Namen zu nennen.” Im Café Brasileira lädt spät abends die in Bronze gegossene Statue des 1935 verstorbenen National-Poeten zum Absacker ein. Pires lehnt sich entspannt zurück und meint: “Obrigado – danke, Fado, war das heute nicht zum Weinen schön…?”

Weitere Informationen:
Turismo de Lisboa, www.visitlisboa.com
Fado Museum: Museu do Fado, Largo do Chafariz de Dentro 1, Lissabon (Alfama), www.museudofado.egeac.pt
Fado-Lokale:
A Tasca do Chico, R. Diário de Noticias 39, Lissabon (Bairro Alto)
Faia, Rua da Barroca, 54/56, Lissabon, (Bairro Alto)
A Adega Machado, Rua do Norte 91, Lissabon (Bairro Alto)
Café Luso, Travessa da Queimada 10, Lissabon (Bairro Alto)
Clube de Fado, Rua S. João da Praça 94, Lissabon (Alfama), www.clube-de-fado.com
Gastro-Tipps:
Casa do Alentejo, R. Portas Santo Antão 58, Lissabon (Bairro Alto), www.casadoalentejo.pt
A Brasileira do Chiado, Rua Garrett 120, Lissabon (Bairro Alto)
A Ginjinha, Mini-Bar ohne Sitzplätze am Largo de São Domingos, nahe Rossio-Platz

<Der Autor wurde bei seiner Recherche-Reise unterstützt von: Portugiesisches Fremdenverkehrsamt, Turismo de Lisboa und Air Berlin>

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Über Reiserobby

Robert Niedermeier, Journalist (Reise, Lebensart, Gesellschaft)
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