Eine gute Nacht in Istanbul im November 2009

Türkei

Disco Disco Partizani

Alkoholverbot, Polizeigewalt und die Einschränkung der Meinungsfreiheit gefährden unter der Rigide des türkischen neo-konservativen Präsidenten Erdogan, den Status der Bosporus-Metropole als moderne, weltoffene und säkulare Weltstadt. Ein Streifzug durch die quirlige Szene von Istanbul im Juni 2009 zeigt, die Zeiten ändern sich.Text/ Fotos: Robert Niedermeier

Club Reina auf der asiatischen Seite vom Bosporus Eine Ebene weiter unten eröffnet sich unter freiem Himmel die Party-Arena des Diskogroßklubs „Reina”: amerikanischer Pop, tanzorientiert

Club Reina am Bosporus

Selma strahlt vor Glück. Wäre da nicht das bunte Aufblitzen hunderter Discolichter,im Wettstreit mit ihren grünen Augen, funkelten wohl allein die Sterne hoch über dem Bosporus. „Morgen heiratet sie”, sagt eine Freundin. „Wir feiern Junggesellinnen-Abend”. Eine Ebene weiter unten eröffnet sich unter freiem Himmel die Party-Arena des Diskogroßklubs „Reina”: amerikanischer Pop, tanzorientiert und elektronisch aufgepeppt. Der Refrain des nächsten Songs setzt ein: „Disco Disco Partizani”,ein in der West-Türkei längst zum Evergreen avancierter Hit des rumänischen Balkan-Punk-Ska-Künstlers Shantel. Alle reißen ihre Arme in die Luft. Man feiert sich selbst. Und die Nacht.

Istanbul: Jungesellinnen-Partycrew im Reina Foto: Robert Niedermeier

Istanbul: Jungesellinnen-Partycrew im Reina

Populär: Attraktive Seelage, guter Service und schöne Menschen

Frame-Club: Trompete unterstützt den DJ

Frame-Club: Trompete unterstützt den DJ

Über dem Großraumclub auf der asiatischen Seite Istanbuls thront glanzvoll die mächtige Bosporusbrücke in changierenden Farben. Auf der anderen Seite des Marmarameeres, das Europa und Asien voneinander trennt, setzen Fährboote vom Szeneviertel Ortaköy herüber, einer Flaniermeile der gehobenen Variante mit kleinem historischen Hafen und ebenso verzweigten wie lebhaften Ausgehgassen. Einige Gäste haben den Abend auf „Suada” begonnen. Szenegänger Burak gehört dazu und erzählt von dem riesigen Hightech-Floß. Die künstliche Insel überzeuge mit quirliger Atmosphäre und maritimem Flair – tagsüber und in lauen Sommernächten. Der noble Beachclub ist mit seinen Restaurants und Bars ein Treffpunkt für Touristen und Einheimische. Attraktive Seelage, guter Service und schöne Menschen tun ihr Übriges für die Popularität. Gelegenheit zum Feiern gibt es in der bis zum Mittelalter als Konstantinopel benannten 14-Millionenstadt zu genüge. Zugleich konzentriert sich in Istanbul der Großteil der wohlhabenden türkischen Oligarchie. Mitsamt ih ihrer Party-Entourage, rekrutiert aus Medien-Starlets, Künstlern, Akademikern und Schönheitschirurgen. So sind die Nobelclubs des legendären Gastro-Bosses Izzet Çapa erstens groß und zweitens aufregend genug,um der verwöhnten Klientel auch tatsächlich zu gefallen.

Blick aúf die Altstadt der europäischen Seite

Blick aúf die Altstadt der europäischen Seite. Foto: Robert Niedermeier

In Besiktas geht die Party auf der Terrasse weiter

Autofreie Promenade Istiklal Caddesi in Istanbul

Autofreie Promenade Istiklal Caddesi

Im Stadtviertel Besiktas residiert so ein Lokal. Dort, auf dem imposanten Boulevard Suleyman Seba Cad, wo schmucke Paläste im Kleinformat aus dem 19. Jahrhundert nur schnöde als Reihenhäuser tituliert werden, lädt Gastwirt Çapa auf bescheidenen 400 Quadratmetern in seine Clubsensation „It´s a Joke Perestroyka” zum Dinieren und natürlich Partymachen ein. Virtuose Dekor-Ideen dominieren das Ambiente, kräftiger Club-Sound unterhält das feierwillige Publikum. Der Laden sprenge den Rahmen üblicher Bar-Normen: „Edel, schick und außergewöhnlich aufregend im Design”, sagt Burak. Der Grafiker liebt seine Heimatstadt, gefällt sich in seiner selbst auferlegten Rolle als ehrenamtlicher Nightlife-Guide und preist Istanbul als „Die Hauptstadt aller Partystädte.” Im „Frame” – ebenfalls in Besiktas – geht die Party auf der Terrasse weiter. Wie im „Reina”,„Feriye” und „Perestroyka” feiert man hier im Sommer draußen. Wird es im Januar zu kalt, geht die Feier dachgeschützt munter weiter. „Istanbul zeigt sich gern als die Schöne der Nacht”, schmeichelt Burak seiner Stadt am Goldenen Horn. Im Stadtteil Beyoglu flaniert die Jugend selbst werktags bis weit in die Nacht auf der autofreien Promenade Istiklal Caddesi. Mit historischen Gewändern uniformierte Eisverkäufer animieren ohne Unterlass mit zur Schau gestellter Fröhlichkeit kokett zur süßen Sünde. In den Seitengasse sind die Polsterstühle oder Bankreihen der Bars und Musikertreffs mit Shisha rauchenden Teetrinkerinnen, Köfte genießenden Touristen oder heimischen Nachtschwärmern besetzt.

Eisverkäufer an der Promenade Istiklal Caddesi Foto: Robert Niedermeier

Eisverkäufer an der Promenade Istiklal Caddesi

Von weißen Möwen umschwirrt:  Der golden schimmernde Galataturm

Tand-Verkäufer nahe dem Eingang zum  Kapalı Çarşı. Foto: Robert Niedermeier

Tand-Verkäufer nahe dem Eingang zum Kapalı Çarşı

Burak weist den Weg: Vom Taksim-Platz aus geht es die Istiklal Caddesi hinauf, quer durchs Musikerviertel. Blau illuminiert, von weißen Möwen umschwirrt, erblicken Touristen den im nächsten Moment golden schimmernden Galataturm. Kurz danach: Der Jazz-Club Nardis. Die Sängerin unterhält die gut gelaunte Gästeschar mit Blues- und Jazzrock-Klassikern. Auffallend: Graumeliert und gut geliftet legt auch die ältere Generation stets Wert darauf, im Laufe der Partynacht einen atemberaubend guten Eindruck zu hinterlassen. Der 34-jährige Klarinetten-Meister Serkan Cagri bestätigt das. Der prominente Musiker nippt an seinem kühlen Bier. Eben gab er einer Moderatorin vom türkischen Privatfernsehen ein Interview, um die Vorzüge Istanbuls als Kulturhauptstadt 2010 zu preisen. Jetzt möchte der Star der Hochkultur in die Subkultur des Viertels Beyoglus abtauchen – kein Problem. Denn unangekündigt stehen auf den Clubbühnen hochkarätige Unbekannte und honorierte Größen.

Klarinetten-Meister Serkan Cagri bestätigt das. Der prominente Musiker nippt an seinem kühlen Bier. Eben gab er einer Moderatorin vom türkischen Privatfernsehen ein Interview, um die Vorzüge Istanbuls als Kulturhauptstadt 2010 zu preisen. Foto: Robert Niedermeier

Klarinetten-Meister Serkan Cagri vor dem Galataturm

Ska trifft orientalischen Straßen-Folk und britische Songkultur

Ska, orientalischer Straßen-Folk und britische Songkultur verschmelzen etwa im Club “Crab” zu einer vor Kreativität überschäumenden Melange. „Egal, wo du herkommst oder worauf du stehst”, meint Burak, und fährt beseelt fort: „Istanbul macht glücklich.” Die Band legt mit einer Punkversion von Disco Disco Partizani los. Alle Gäste strahlen – wie die Sterne über dem Bosporus.

Istanbul: Das Crab von außen: Innen tönt Ska-Punk. Foto: Robert Niedermeier

Das Crab von außen: Innen tönt Ska-Punk

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Über Reiserobby

Robert Niedermeier, Journalist (Reise, Lebensart, Gesellschaft)
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