Lissabon-Städtereise mit Fadista Telmo Pires

Portugal

Mit Fado im Gepäck

Stimmbegabt auf Städtereise: Fadista Telmo Pires zog es mit Erfolg von der Ruhr über die Spree in Berlin bis an die Tejo-Flussmündung in Lissabon. Zurück zur Ursprungsquelle der portugiesischen, stets traurigen und populären Fado-Musik, die 2011 von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt worden istText & Fotos: Robert Niedermeier

Sightseeing-Bus am Königshügel, in der Nähe der Staute von Pombal

TOURISMUS: Sightseeing-Bus am Königshügel, in der Nähe der Staute von Pombal

Der erste Ton. Ein sanfter Bariton, männlich gefühlsstark und zauberhaft fragil ergreift das Publikum, das sich dicht gedrängt an der vom Fadista mit Inbrunst angefachten Traurigkeit vergnügt. Telmo Pires singt in der proppenvollen Fado-Kneipe Tasca do Chico in Lissabon. Beeindruckt von großen Vorbildern, die als Bildergalerie das kleine Lokal im Fadoviertel von Bairro Alto schmücken, „hätte ich mich beinah nicht getraut”, gibt der Sänger mit den pechschwarzen Haaren nach dem Auftritt im Frühling 2010 zu. Auf dem Heimweg bleibt Zeit für einen Absacker im Café Brasileira. Vor der Gaststätte schweigt die Bronzestatue des National-Poeten Fernando Pessoa zum nächtlichen Treiben in der Touristenmetropole.

Seelenleben einer Stadt: Auf den Spuren der Saudade

SAUDADE: Nachts in Lissabon: Der Dichter aus Bronze, der Sänger erschöpft

SAUDADE: Nachts in Lissabon: Der Dichter Fernando Pessoa aus Bronze, der Sänger Telmo Pires entspannt

Der Dichter glaubte “Saudade”, die Seele des Fado, sei für Ausländer unbeschreiblich. Der Fadista von Heute erklärt: „Es bedeutet, Traurigkeit lieben zu lernen.” Telmo Pires’ Leben spiegelt das wider. Die Eltern verließen Portugal nach der Nelkenrevolution von 1974. Die Hauptstadt am Atlantik hat der kleine Telmo lange nicht zu Gesicht bekommen. Vielmehr lernt er als Gastarbeiterkind das Ruhrgebiet kennen, der Vater die harte Arbeit in der Schwerindustrie, die Mutter hört alte Fado-Schallplatten im grauen Alltag der Reihenhaus-Siedlung. Heimweh hat auch der Sohn: „Bis zum Abi fühlte ich mich in Bottrop als Fremder”, erzählt Pires. 2002 zieht er fort nach Berlin, obwohl er mit Auftritten im Theater Courage oder Ebertbad Oberhausen längst zur Künstlerelite der künftigen Kulturhauptstadt Ruhr.2010 zählt. Pires nimmt einen Happen von seinem süßen Pasteis de Nata, ein für Lissabon typisches Puddingtörtchen, und erinnert sich: „Mein Debüt gab ich am 27. Mai 1995 im Kleinen Theater am Essener Gänsemarkt.” 15 Jahre später wurde ein Musik-Produzent der Lissabonner Szene auf den portugiesisch singenden Deutschen aufmerksam: „Arbeiten und Leben in Lissabon, das ist seit der Kindheit mein Traum”, sagt Pires. Draußen senkt sich die Frühlingsnacht über die Altstadt und bleiches Mondlicht lässt die Flussmündung des Tejos glitzern.

Pünktlich und ungeduldig: Der deutsche Fadista bekennt sich

Telmo Pires in Lissabon vor dem ehemaligen Kino Eden, Foto: Robert Niedermeier

CINEMA: Telmo Pires in Lissabon vor dem ehemaligen Kino Eden, Foto: Robert Niedermeier

Der Tag beginnt bei strahlendem Sonnenschein oben am Hügel des Königsparks, unweit des Monuments zu Ehren des Marquês de Pombal. Mit onduliertem Haarschopf blickt der Schöpfer des neu aufgebauten Lissabons den Prachtboulevard Avenida da Liberdade hinab, die in den barocken Kern des schachbrettgleich errichteten Viertels Baixa mündet. Die grünbraunen Augen des Fado-Künstlers tun es ihm gleich: „Erdbeben, Feuersbrunst und Tsunami; 1755 hat es die Stadt schwer erwischt, doch Pombal gab Hoffnung”, weiß Telmo, der seit den späten Siebzigern immer wieder zurückkehrt zum Tejo-Ufer. „Hier bin ich der Deutsche: pünktlich und ungeduldig”, sagt er und fummelt fürs Foto seinen übergroßen Schal zurecht. Pires stoppt beim Flanieren am Cinema São Jorge vor einem Konzertplakat des etablierten Fado-Stars Jorge Fernando. Früher als Jugendlicher saß Pires gebannt in den großen Kinopalästen entlang der Avenida. Heute residiert im weiter unten liegenden Ex-Filmhaus Condes eine amerikanische Event-Kneipe und im Eden ein Apartment-Hotel. „Grüne Tomaten sah ich in Lissabon”, erinnert sich Pires. Danach schlossen die meisten historischen Kinos. Der Eintritt in die EU brachte die Wende, der Verfall der Stadtpaläste konnte gestoppt, und manches altehrwürdige Kino-Gebäude wie der bestaunte Konzertsaal von São Jorge dient erneut als Kult-Tempel des heimischen Seelenlebens von Lissabon.

Bairro Alto: Kirschlikör im Plastikbecher, Schulmädchen in Uniform

Lissabon in Portugal: Vor der Mini-Bar A Ginjinha reicht der Berliner Sänger einen Kirschlikör im Plastikbecher weiter

KIRSCHGESCHMACK: Vor der Mini-Bar A Ginjinha reicht der Berliner Sänger einen Kirschlikör

Tauben flattern derweil vom Rossio-Platz in Richtung des Stadtklosters Do Carmo über den stählernen Stadtaufzug hinweg, der die Baixa, elegant steil aufwärts fahrend, mit dem Bairro Alto-Quartier verbindet. An der nahen, bereits mittags geöffneten Mini-Bar A Ginjinha reicht der Berliner Sänger einen Kirschlikör im Plastikbecher weiter. „Ich kenne dich”, ruft forsch ein Mädchen in Schuluniform, drängt sich neben dem in Jeans und schwarzer Lederjacke gekleideten Fadista, wedelt mit ihrem Smartphone vor seiner Nase herum und befiehlt: „Foto!” An einer Mauer lungern afrikanische Gastarbeiter aus den ehemaligen Kolonien herum, Touristen kämpfen sich an ihnen vorbei die Altstadtgassen hoch: „Jetzt weiß ich woher”, sagt die Schülerin: „Ele é Fadista – er ist ein Fadista.” Fernsehauftritte, die ihn unter dem Brandenburger Tor in Berlin zeigten oder in Talkshow-Studios nach Lissabon führten, machten Telmo Pires auch in Portugal recht populär. Brav bedankt sich der Teenager fürs Autogramm aufs Schulheft. Am Rossio-Platz rattert ein Waggon der Tramlinie 28 los.

Auf- und abwärts in Alfama zum Fado im Frühling

Lissabon, Rossioplatz do Carmo in Portugal

FRÜHLING: Der Rossioplatz in Lissabon mit Blick auf Do Carmo

Die unzählig oft fotografierte Straßenbahn führt aus dem Stadtkern über Kopfsteinpflaster rauf ins Fado-Viertel Alfama, an der Kathedrale Sé de Lisboa und dem Aussichtspunkt Santa Luzia vorbei. Kunsthandwerkerinnen fertigen Souvenirs, bunte Wäsche trocknet an opulent gekachelten Häuserfassaden und üppig wuchert überall das Grün aus roten Dachziegeln empor: „Im Winter regnet es viel”, begründet Pires beim Aussteigen das Moos auf den Steinstufen, die den Weg zum Clube de Fado weisen. Im ockerfarbenen Licht des Sonnenuntergangs bereitet sich das große Lokal auf die Abendgäste vor. Nicht ahnend, dass er hier im Sommer 2010 selbst als Star des Abends auftritt, marschiert Pires weiter. Wenige hundert Meter die Alfama abwärts erreicht der Fadista das Fado-Museum. Im rosa getünchten Gebäude betrachten Besucher im Foyer das berühmte Gemälde „O Fado” von José Malho oder goutieren per Kopfhörer die Erfolge der hoch verehrten Diva Amália im Multimedia-Salon. Pires gehört zur neuen Fado-Generation. Seine Erfahrungen im kulturellen Schmelztiegel Ruhrgebiet und der Großstadtdschungel an der Spree prägen seinen Stil.

Back to Bairro: Zum Finale tost Applaus

Baixio, die neue Altstadt, erschaffen von pombal, hier die moderne Carreira#12, Straßenbahn im Hintergrund Blick zur festung von Lissabon, Foto: Niedermeier

BAIXO: Altstadt von Lissabon mit Straßenbahn Carreira#12, im Hintergrund Blick rauf zur Festung, Foto: Robert Niedermeier

Nach dem Streifzug durch Lissabons aus Stein gemeißelter Kulturgeschichte isst der 1,75 Meter große Komponist eine Portion pikantes Schweinefleisch mit Muscheln im Casa do Alentejo. In der traditionellen Kantine macht ihm eine Tischnachbarin schöne Augen. Sie bleibt unbeachtet, angesichts des schmuckvoll gekachelten Inneren der prächtigen Repräsentanz einer Provinzregion nördlich von Lissabon. Vielmehr rührt sich merklich Lampenfieber. Pires mahnt: „Wir müssen los!” Wenige Minuten zu Fuß dauert es von der Innenstadt, der Caixa, bis zum Auftrittsort. Der Künstler passiert die vielen Fado-Kultstätten im benachbarten, hügeligen Bairro-Viertel: Im Faia entzückt jedoch das verräucherte, mit allerlei Tand und Fußballerschals vollgestopfte Ambiente. Ein kaum bekannter Fadista singt, die einheimischen Gäste sind vollends hingerissen: „So hört sich Saudade an”, flüstert der deutsche Portugiese beim Zwischenstopp.

Lesbisch-schwule Hotspots in den engen Gassen rings ums Principal Real

Lissabon in Portugal: Aussichtspunkt Santa Luzia vorbei. Kunsthandwerkerinnen fertigen Souvenirs, bunte Wäsche trocknet an opulent gekachelten Häuserfassaden

Lissabon in Portugal am Aussichtspunkt Santa Luzia vorbei…

Die Schwulen-Bars von Lissabon liegen nicht weit entfernt. Kommt Telmo Pires’ Freund, der Schauspieler Matthias Freihof, aus Berlin zu Besuch, trinken sie beide gerne etwas in der Bar Le Marais, die einem belgischen Wirt im nahen Altstadt-Viertel Santa Catarina gehört. Der lesbisch-schwule Hotspot liegt indes in den engen Gassen rings ums Principal Real, wo die Bar WoofLX oder die Disco Trumps die lesbisch-schwule Szenerie Lissabons bestimmen. Lesbische Frauen amüsieren sich im Nachbar-Viertel Alcantara: In der Maria Lisboa-Bar, benannt nach einem berühmten Fado von Amália Rodrigues.

Zum Finale tost großer Applaus im kleinen Fado-Lokal

Kunst als Souvenirs bei Santa Luzia, junge Künstlerinnen verkaufen Selbstgesticktes

KUNSTHANDWERK: Junge Frauen fertigen für Touristen am Santa Luzia-Aussichtspunkt Selbstgesticktes als Souvenirs an

Endlich macht er sich auf ins Tasca do Chico, begrüßt die wartende Wirtin und steht in plötzlicher Stille im Mittelpunkt. Eine Schweißperle glänzt auf seiner linken Schläfe. Im November 2010 stehen Konzerte in Deutschland an, danach kehrt er wieder zurück nach Lissabon. In diesem Moment atmet Telmo Pires tief durch, hebt die rechte Hand bis auf Kinnhöhe, verharrt und beginnt zu singen: herzzerreißend schön, voller wehmütiger Romantik sein Timbre. Zum Finale tost großer Applaus im kleinen Fado-Lokal.
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Robert Niedermeier, Journalist (Reise, Lebensart, Gesellschaft)
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