Norwegen: 76 Tote bei Terroranschlägen auf Utøya und in Oslo

Norwegen

Norwegen trauert

Mindestens 68 Todesopfer fordert am 22.07.2011 das schreckliche Massaker unter den 700 Teilnehmern eines sozialdemokratischen Jugendcamps auf der Ausflugsinsel Utøya bei Oslo. Verübt von einem 32-jährigen Norweger.

Symbol des Lebens: Monolith aus Granit, Vigeland-Park Oslo

Norwegen trauert: Symbol des Lebens: Monolith aus Granit, Vigeland-Park OsloMindestens 68 Todesopfer fordert am 22.07.2011 das schreckliche Massaker unter den 700 Teilnehmern eines sozialdemokratischen Jugendcamps auf der Ausflugsinsel Utøya bei Oslo. Verübt von einem 32-jährigen Norweger. Offenbar wurde der Täter von Semi-Faschisten der norwegischen “Fortschrittspartei” und anderen rechtsradikalen sowie theorekationären Ideologen aufgehetzt. Hass auf “Multikulturismus” und “Kulturmarxisten” ist das Motiv des blonden jungen Mannes.Offenbar wurde der Täter von Semi-Faschisten der norwegischen “Fortschrittspartei” und anderen rechtsradikalen sowie theorekationären Ideologen aufgehetzt. Hass auf “Multikulturismus” und “Kulturmarxisten” ist das Motiv des blonden jungen Mannes.

Offenbar wurde der Täter Anders Behring Breivik von Semi-Faschisten der norwegischen “Fortschrittspartei” und anderen rechtsradikalen sowie theorekationären Ideologen aufgehetzt. Hass auf “Multikulturismus” und “Kulturmarxisten” ist das Motiv des blonden jungen Mannes.

“Behalte Oslo als friedlich-freundliche und tolerante Stadt in bester Erinnerung – Norwegen bleibt stark.”

Der vorangegangene Bombenanschlag im Regierungsviertel hat acht Terror-Opfern das Leben gekostet. Zuerst zündet der Täter um 15.26 Uhr die Bombe, anschließend fährt der islamfeindliche und rechtsradikale 32-Jährige mit dem Auto in Richtung der Insel Utøya. Der Mörder lockt seine ahnungslosen Opfer als Polizist verkleidet in seine Richtung, richtet sie hin, jagt über einen Zeitraum von einer Stunde Kinder und Jugendliche auf der kleinen Insel, spürt jene, die sich in Panik im Wald verstecken auf und tötet ohne Skrupel. Schwer bewaffnet schießt er sogar Jugendlichen hinterher, die sich schwimmend zu retten versuchen. Blutüberströmte Leichen liegen am Ufer, andere treiben im Tyrifjord. Der totale Horror.

Der Täter ist ein “christlicher” Fundamentalist

I love Oslo-Logo, Hauptstadt des demokratischen Königreiches Norwegn

I love Oslo-Logo als Profilbild norwegischer “G+”-Nutzer

Ich bin zutiefst erschüttert. Für die kommende Woche plante ich eine Wiederveröffentlichung meiner munter-fröhlichen Oslo-Reportage auf dieser Internetseite. Der Schock über die furchtbaren Nachrichten aus Norwegen sitzt Samstag deshalb umso tiefer. Nach vielen wirren Presse-Meldungen, sofort stehen am 22.07.2011 bereits nachmittags ohne wirkliche Erkenntnisse Moslems unter Verdacht, berichtet Spiegel-Online am Abend: “Ein Experte des “Norwegian Institute of International Affairs” (Nupi) sagte, der Angriff auf der Insel spreche eher für einen rechtsextremen als für einen islamistischen Hintergrund.”

Eine Woche vor der Tat, fertigt der Massenmörder Profile im Internet an

Altstadt von Oslo an einem Frühlingsmorgen im April 2010

Altstadt von Oslo an einem Frühlingsmorgen im April 2010

Im Internet, via Twitter oder dem neuen Sozialen Netzwerk google+, scheinen sich die Ereignisse zu überschlagen. Zu diesem Zeitpunkt ist das wahre Ausmaß des politisch motivierten Massakers auf Utøya öffentlich noch nicht bekannt. 17 Tote werden gemeldet. NDR-Journalist +Alexander Svensson berichtet derweil auf seinem Online-Profil (google+): “Der Mann, der auf einer Insel Jugendliche erschossen hat, und der Norwegens Regierungsviertel in die Luft gesprengt haben soll, ist auf islamkritischen Websites unterwegs gewesen. Außerdem hört er laut Facebook Trance, guckt Battlestar Galactica und spielt World of Warcraft. (Und sein Name ist trending topic bei Twitter.) “Eine Person mit einem Glauben, hat die Kraft von 100.000 Personen, die nur Interessen haben”,  twitterte der Massenmörder am 17. Juli 2011 – seine bislang einzige Twitter-Nachricht. Die grausame Tat  hat er jahrelang geplant.

Vorurteile und Vorverurteilungen in der Presse

Nationalwappen von Norwegen: blaues Kreuz quer auf rotem Grund

Nationalwappen von Norwegen

Auf ihrer Titelseite spricht die britische “Sun” nachts von einem Al-Qaida-Massaker, auch deutsche Zeitungen titeln voreilig mit der islamistischen Terror-Organisation. Ein besonders dummdreistes Missgeschick publizistischer Natur gelingt der Fuldaer Zeitung mit einem Dossier von Manfred Schermer, dass ich nicht weiter kommentieren möchte. Die Kollegen von BildBlog nahmen die deutsche Medienlandschaft kompetent unter die Lupe und spießten Vorurteile und Vorverurteilungen zuhauf auf. In Amerika übernimmt der Fernsehsender VOX die Führerschaft verfehlter Berichterstattung.
Ein Beispiel:

Fakt ist: Der Täter heißt Anders Behring Breivik, stammt aus Oslo, ist blond und ein islamfeindlicher Fundi-Christ mit rechtsradikaler, nationalistischer Gesinnung, Samstagmorgen gegen 04.00 Uhr schnellt die gemeldete Zahl der Ermordeten drastisch nach oben.

Was treibt einem Menschen zu einem barbarischen Verbrechen dieses Ausmaßes? In der Berliner Morgenpost skizziert Journalist Florian Flade  das Täterprofil: Der mutmaßliche Doppelattentäter von Oslo und Utøya war ein Verfechter der nationalistischen Ideologie. Er fühle sich bedroht, war von der evangelischen Kirche enttäuscht und wetterte in rechten Foren gegen den Islam und den Kommunismus.” Des Weiteren ist bekannt: Der 32-Jährige ist seit 2009 in dem Forum “Nordisk“ aktiv. Hier diskutierten 22.000 registrierte Nutzer Themen wie “weiße arische Macht“ und politische Strategien zur Bekämpfung der Demokratie.

 

Ein schwuler Held: Chef der norwegischen Jungsozialisten

Matrose Hans Steiner 2010. Auf Fjord-Taxiboot freut er sich auf den ESC in Oslo

Matrose Hans Steiner 2010. Auf einem Fjord-Taxiboot freut er sich auf den ESC in Oslo

Das lesbisch-schwule Portal Queer berichtet indes am 23.07.2011 über Eskil Pedersen, dem schwulen Chef der norwegischen Jungsozialisten und titelt: “Norwegen – Das Bunte bewahren, den Kampf weiterführen!”  Für mich ist Pedersen ein Held, der Anschlag war gegen all das gerichtet, was der junge Politiker verkörpert: Ein junges, weltoffenes, multikulturelles und tolerantes Norwegen, indem sich auch Menschen wie der Matrose Hans Steiner wohl fühlen. Steiner lernte ich 2010 kennen, der aus Bergen nach Oslo zugezogene junge  Mann ist bereits im April, Wochen vor dem großen ESC-Finale ein großer Lena-Fan. Hoffentlich geht es ihm heute gut…

Zutiefst erschüttert: Mein Beileid den Angehörigen der Terror-Opfer

Norwegen: Die Neue Oper von Oslo: Symbol für ein weltoffenes, tolerantes Norwegen

Die Neue Oper von Oslo: Symbol für ein weltoffenes, tolerantes Norwegen

Als Reisejournalist, der Oslo im Rahmen seiner Arbeit als lebensfrohe, friedliche Stadt mit sehr freundlichen Bürgern  kennenlernen durfte, fühle ich mich auch persönlich sehr betroffen. Im Frühling 2010 berichte ich in einer Reportage für das WAZ-Reise Journal und anderen Tageszeitungen über die fröhliche Stimmung in der wohlhabenden Stadt kurz vor dem ESC-Finale.

Am 23.07.2011 lese ich auf Facebook: “Die Berliner SPD ist fassungslos und tief entsetzt über die Ereignisse in Norwegen. Unsere Trauer gilt den Ermordeten, größtenteils jungen norwegischen Genossinnen und Genossen. Unsere Sorge und unser Mitgefühl gelten den vielen Verletzten und Traumatisierten sowie den Angehörigen der Opfer, den Familien und Freunden. Unsere Solidarität gilt der norwegischen Gesellschaft und unseren Freundinnen und Freunden in der norwegischen Sozialdemokratie.

Solidarität: Berliner Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten trauern

Hafen in Norwegens Hauptstadt Oslo

Hafen in Norwegens Hauptstadt Oslo

Wir Berliner Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten wollen heute unsere Trauer und unsere Solidarität vor der Norwegischen Botschaft zum Ausdruck bringen. Der Landesvorsitzende Michael Müller wird dort um 17:30 Uhr gemeinsam mit weiteren Berliner Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten Blumen niederlegen.”

Kraft in der Trauer: Norweger verteidigen ihre Freiheit frei von Zorn

Screenshot von meinen Google+-Profil: Geteilter Beitrag vom Norweger +Tom Bech

Screenshot von meinen Google+-Profil: Geteilter Beitrag vom Norweger +Tom Bech

Als ich Samstagnacht einen Beitrag von G+-Nutzer Tom Bech lese, überkommt mich ein Gefühl von großem Respekt gegenüber den mutigen Worten des jungen Norwegers. Kein Geschrei nach harten Strafen oder schärferen Gesetzen, stattdessen reagiert er wie die meisten Bürger des demokratischen Königreiches besonnen. Demokratie und den Rechtstaat verteidigen, Toleranz und Liberalität bewahren, darum geht es jetzt: Norwegen zeigt Haltung und Stärke.


Gedenkminute der Berliner SPD
Sonnabend, 23. Juli 2011, 17:30 Uhr
Norwegische Botschaft / Nordische Botschaften
Rauchstraße 1, 10787 Berlin-Tiergarten.

Oslo: Jugendliche posieren 2010 für Journalisten vor der Neuen Oper

Unbeschwert posieren im April 2010 Jugendliche für Journalisten Robert Niedermeier vor der Neuen Oper in Oslo

Nachtrag: Am Sonntag verhaftet die Polizei in Oslo sechs Personen, die als Komplizen des Terroristen und Kindermörders Breivik unter Verdacht stehen. Der geständige Täter Anders Behring Breivik bekommt indes die große Medien-Bühne geboten. Er lässt verlauten, dass er nichts zu bereuen habe. Sein menschenfeindliches “Manifest” wird weltweit von Bloggern und Redakteuren ausgewertet und interpretiert. In großen Teilen erweist sich das krude Machwerk als Plagiat, abgeschrieben von “Una-Bombers” Theodor Kaczynski.  Auch Queer nimmt sich den Beweggründen und Motiven der Bluttat an. Queer-Redakteur Norbert Blech attestiert dem Mörder am Sonntag keine explizite Schwulenfeindlichkeit. Breivik hasse allerdings sehr wohl die “Kulturmarxisten”, die sich auch unter vielen Homosexuellen fänden. In deutschen Sozialen Netzwerken macht sich unterdessen Häme darüber breit, dass die norwegische Regierung erst kürzlich die Höchststrafe für Verbrechen heruntersetzte. Ausgerechnet rechte Hardliner tun sich hier besonders hervor, dabei sind reaktionär-konservative Ideologen die geistigen Anstifter zur grausamen Wahnsinnstat von Oslo und Utøya.

Friedensnobelpreis für Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg?

Oslo: Im Grand Hotel übernachten traditionell die Friedensnobelpreisträger, rechts wehen über dem Parlament  die Farben Norwegens

Oslo: Im Grand Hotel übernachten traditionell die Friedensnobelpreisträger, rechts wehen über dem Parlament die Farben Norwegens

Hoffnung im Schrecken keimt auf: Bedeuten die furchtbaren Exzesse in Folge rechstradikaler Gesinnung das Ende der ultrarechten Populisten in Europa? Der irische Journalist Phillip O’Connor glaubt daran und fordert in seinem Blog: Despite the horrors of the last few days the Nobel Peace Price should be staying in Norway this year, and it should be given to prime minister Jens Stoltenberg. For it was he that, amidst the sobs at the memorial service in Oslo’s Domkyrke this morning, showed us a glimpse of the future as he echoed the words of one of the survivors of Breivik’s massacre at Utoeya.

“If one man can show so much hate, imagine how much love we can show together.”

Trauer und Hoffnung in Oslo

In Oslo wird getrauert: Neben Regierungschef Jens Stoltenberg nehmen am Sonntagvormittag an der Zeremonie im Dom von Olso für „Trauer und Hoffnung“ auch der norwegische König Harald V. und Königin Sonja sowie die norwegische Regierung und Eskil Pedersen teil, der Leiter der Arbeiterjugend, deren Sommercamp auf Utoya der Killer angriff. Jens Stoltenberg umarmt Pedersen, die Bilder gehen um die Welt. Im Dom hält der sozialdemokratische Regierungschef eine persönliche Rede, erinnert an seine gute Freundin Monica, die jetzt nicht mehr lebt. Die Trauerrede des norwegischen Ministerpräsidenten beginnt mit den Worten: “Jeder einzelne Tote ist ein unersetzlicher Verlust. Zusammen bedeuten sie eine nationale Tragödie.”

Pressekonferenz vom 23.07.2011 mit Eskil Pedersen, Leiter der Arbeiterjugend (Sommercamp Utøya)

Breivik ist kein Irrer, sondern ein Verbrecher

Am Dienstag meldet sich Breiviks Anwalt zu Wort: “Breivik war zur Tatzeit nicht zurechnungsfähig, er hat Drogen genommen.” Tags darauf bezweifeln Rechtsmediziner jedoch, dass der politisch motivierte Massenmörder tatsächlich unzurechnungsfähig sei. Die Tat sei irre und wahnsinnig, aber nicht im pathologischen oder rechtsmedizinischem Sinne. Breivik ist ein Krimineller, kein Geisteskranker, lautet der einhellige Tenor publizierter Experten-Meinungen: “Sehr kühl und gelassen”, wurden die Verbrechen verübt, “auch nach der Tat tritt der Täter in einer Pose auf, die nicht annehmen lässt, dass er nicht wisse was er tut,” attestiert Kriminalpsychologe Prof. Rudolf Egg am 27.07.2011 im ZDF-Nachrichtenmagazin Heute Journal.

Video: Breiviks Anwalt meldet sich zu Wort

Mein Beileid gilt den Angehörigen, Freunden und Genossen der Opfer, mein Respekt den vielen Helden, die Menschenleben retteten und den Politikern, die in tiefer Betroffenheit dennoch besonnen reagierten: In Solidarität für die Wahrung demokratischer und rechtstaatlicher Grundwerte. (Robert Niedermeier, Reisejournalist, Admin: www.reiserobby.de)

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Robert Niedermeier, Journalist (Reise, Lebensart, Gesellschaft)
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