Hanoi Hauptstadt von Vietnam Unterwegs im Mopdeland

Vietnam/Hanoi

Mit Karacho zum Karpfenteich

Taxi oder Rikscha gefällig? Rasant ist die Fahrt durch den Alltag der 1000 Jahre alten Millionenmetropole allemal. Ein Hang zum Wagemut und eine Vorliebe für Legenden helfen, die Stadt zu erkundenText/ Fotos: Robert Niedermeier

Raus aus der Altstadt mit System: Im Verkehrsgewirr dräut es Rikscha-Gästen düster

Schön ordentlich schaut sie aus, die gelbe Villa des roten Führers. Abgeschottet von einem mächtigen, reich verzierten gusseisernen Tor, glänzt sie unter der Wintersonne Hanois. Onkel Ho nennt das Volk den ehemaligen Bewohner des herausgeputzten Präsidentenpalastes. In den 1950er Jahren wurde er als Befreier der Landbevölkerung gefeiert und selbst im fernen Deutschland riefen im Jahre 1968 demonstrierende Studenten in Sprechchören „Ho, Ho, Ho Chi Minh“. Das sozialistisch beherrschte „Volk des Südens“ demonstriert nicht. Arbeitsam spielt sich das Leben der Vietnamesen auf den Straßen der 1000 Jahre alten Hauptstadt ab. Damals wie heute.

Lebende Riesenschildkröten in Hanois Schwert-See?

Tag ein, Tag aus schwirren auch Obstverkäuferinnen durch das Verkehrsgewirr. Mit langen Stangen balancieren sie ihre vollen Körbe geschickt aus und verlangen forsch einen US-Dollar, falls man sie dabei fotografieren möchte. Geld muss her, für die Familienfeiern, wenn nach hiesiger Rechnung am 3. Februar Neujahr gefeiert wird. Ebenfalls fotogen, da frisch renoviert für das im Oktober 2010 zelebrierte tausendjährige Jubiläum Hanois, steht der Jadetempel auf einer Insel im dunklen Hoan Kiem-See. Die Oase der Ruhe inmitten des turbulenten, von Mopedmotoren und Ohren betäubenden Hupkonzerten heimgesuchten Innenbezirks, ist eine Touristenattraktion in der Sechs-Millionen-Einwohnerstadt. „Solange die Schildkröten im See schwimmen, so lange wird auch Hanoi bestehen“, sagt Thien Nguyen und zeigt auf die präparierte Riesenschildkröte, die in einer Glasvitrine im Tempel ausgestellt wird.

Obstverkäuferin Van ist wegen den Neujahrsvorbereitungen in Hanoi

Obstverkäuferin Van ist wegen den Neujahrsvorbereitungen in Hanoi

Mopeds rattern als mobile Wohnzimmer durch die Hauptstadt

Die erzählte Legende stammt aus dem Mittelalter. Der über zwei Meter lange Kadaver im Glas wurde in den Kriegswirren  (Link führt zu ARTE Reportage übers Ende des Vietnamkrieges im Jahre 1975) von 1968 im Schwert-See gefunden. 450 Lenze soll das gut erhaltene Reptil bereits damals auf seinem gepanzerten Buckel geparkt haben. „Alle Vietnamesen“, so versichert der Bürokaufmann Thien, „glauben fest daran, dass noch weitere Schildkröten im See leben.“ Die vielen Spaziergänger jedenfalls, die rings um das 15 Hektar große Gewässer schlendern, sind stets aufs Neue völlig aus dem Häuschen, wenn Luftblasen nach oben an die Wasseroberfläche blubbern. Thien schmunzelt.

Vietnam: Familie in Hanoi am Rande der Altstadt auf Moped

RASANT: Familie in Hanoi am Rande der Altstadt auf ihrem Moped

Zweieinhalbmillionen Mopeds rollen durch Hanoi

Der junge Familienvater mag seine Hauptstadt am Roten Fluss. Viel Platz haben seine Frau, ihre kleine Tochter und er daheim aber nicht. Sie wohnen beengt bei seinen Eltern. „Das ist nicht immer leicht“, gibt Thien zu. „Deshalb fahren wir drei nach Feierabend auf unserem Moped durch die Straßen.“ Seinen Landsmännern steht er damit in nichts nach. Zweieinhalbmillionen Mopeds rattern durch Hanoi. Mit Sack und Pack, Kind und Kegel kreisen komplette Familien auf ihren lauten Zweirädern durch die urbane Gegend. Oft fahren fünf Personen auf einem Moped mit: Die Kleinen lesen genügsam Comics, die Eltern turteln unbeschwert. „Ein Stück Freiheit genießen“, so erklärt Thien das sinnlos erscheinende Herumkurven auf den mobilen Wohnzimmern. Den Touristen aus Deutschland, der sich in einer Rikscha auf Stadttour begibt, packt jedoch ein mulmiges Gefühl – in diesem Knäuel aus Blech und Gummireifen. Als eine Limousine Krach schlagend abbremst und wild drauflos hupt, beruhigt Rikscharadler Tung seinen schrill aufkreischenden Fahrgast: „Das hat alles System, es passiert schon nichts.“ Fakt ist: Autos haben Vorfahrt. Der Rest funktioniert in einer Art Reißverschluss-System, der dem bleichen Fahrgast beim besten Willen nicht ein zu leuchten vermag.

Transporter auf zwei Rädern, in Hanoi strampelt eine Fahrer in die Pedale seines Transportfahrrads

TRANSPORTER: Ohne fleißige Tritte in die Pedale geht es nicht mit einem zum Transporter umgebauten Fahrrad

Rischka-Fahrt in der Metropole: Rasant durch die Rush-Hour

Ablenkung gibt es zuhauf. In der Vorweihnachtszeit reihen sich Auslagen mit Mini-Weihnachtsmann-Anzügen, kunterbunten Girlanden und blechern lachenden Nikoläusen an stark duftende Gewürzläden oder schrill dekorierte Elektroshops. „Da, Media-Markt“, ruft Tung am Rande der Altstadt stolz. „Dort, das Opernhaus“, gellt er durch den Lärm, als er das Französische Viertel erreicht, das architektonisch durchaus mit altkolonialer Eleganz aufwartet. Entlang der Hauptstraße Richtung Ho Chi Minh-Mausoleum wechseln sich dann Garküchen mit mobilen Frisiersalons und Schuhschustern unter freiem Himmel ab. In der Ferne ragen Hoteltürme der boomenden Tigerstaaten-Stadt in den Himmel. Über dem gigantischen Gruftbauwerk aus kaltem Stein weht die rote Fahne für den dort gebetteten Onkel Ho im Wind.

Rikschas vor Oper: Lange Reihe wartender Rikschas vor der Oper

ABWARTEN: In langer Reihe warten Rikscha-Fahrer vor der Oper Hanois auf Fahrgäste

Besuch im Literaturtempel: Hanois Geschichte hautnah

Nach einer Weile erreicht die ausgedehnte Rikschatour im Norden des Stadtviertels Dong-Da den im Jahre 1070 zu Ehren von Konfuzius erbauten Literaturtempel. Tung bekommt sein redlich verdientes Bündel Dong-Scheine zugesteckt. Der kutschierte Tourist setzt die Entdeckungstour durch die sieben Innenhöfe und Prachtbauten aus Stein und Holz zu Fuß fort. Sanft-exotische Sitar-Musik erklingt, dargeboten von einer traditionell im Aodai-Gewand gekleideten Schönheit. Goldene Statuen von gelehrten Generälen antiker Dynastien thronen auf Sockeln. Kraniche, aus Koniferen geschnitten oder aus Bronze gegossen, verheißen – wie die Schildkröten – ein langes glückliches Leben und Frieden. „Schön“, findet das der Tourist. Er steigt nach zwei Stunden zwecks Weiterfahrt in ein Taxi. Jetzt beobachtet er die Wirren der Mopedkolonnen lieber aus dem von Autoblech beschützten Kleinwagen. Gekonnt überholt der Taxifahrer ein Cyclo, eine Art motorisierte Rikscha, beladen mit Gasflaschen und Kisten voller Geflügel. Eine Moped-Traube weicht im turbulenten Gegenverkehr aus. Vornehmlich weibliche Moped-Helden tragen modisch gestylten Mundschutz aus Stoff: „Für ihre empfindliche Haut“, wird dem Ängstlichen vom Wagemutigen erklärt. Das gute Deutsch lernte der 50-jährige Fahrer in der ehemaligen DDR.

Literaturtempel Hanoi, eines der Gebäude mit Bonsai im Hof

Literaturtempel Hanoi, eines der Gebäude mit Bonsai im Hof

Onkel Hos Hütte – edle Autoflotte inklusive

Am präsidialen Sitz des Kommunistenführers angelangt, empfiehlt er am Schauplatz des Personenkults einen Besuch von Onkel Hos edler Autoflotte. Indes im lauschigen Grün platziert, steht der aus feinsten Tropenhölzern gefertigte Alterssitz des Revolutionärs auf Stelzen. „Der gelbe Palast war Ho Chi Minh zu französisch-kolonial“, erläutert ein Angestellter des Museums. 1958 ließ Onkel Ho sich den Pfahlbau gegenüber eines großen Karpfenteiches errichten: „Angelehnt an den Baustil seiner Heimat im nördlichen Bergland.“ 1969, im Alter von 79 Jahren, starb Ho Chi Minh. Doch das ist bloß eine klitzekleine Episode in der eintausendjährigen Geschichte Hanois. Die Einwohner arbeiten und amüsieren sich auch ohne ihn – außerhalb der musealen Scheinwelt, inmitten des Verkehrsgewirrs.Volksmusik bei den Volkshelden: im Literaturtempel zu Ehren von Konfuzius

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Robert Niedermeier, Journalist (Reise, Lebensart, Gesellschaft)
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