Homosexuelles Mordopfer im MSM-Cruising-Gebiet Volkspark Friedrichshain

Debatte

Volksparkmord & Victim Blaming

Das Entsetzen über den Mord im Volkspark Friedrichshain ist groß. Mich beschäftigt die Frage, darf man die sexuelle Orientierung des schwulen Opfers nennen? Ja, man muss.Text: Robert Niedermeier

Ein laut Polizeibericht homosexuelles Opfer, wurde brutal ermordet. Ich habe die Abendschau via Facebook gefragt, warum das mutmaßliche Tatmotiv, trotz eindeutiger Pressemitteilung der Polizei verschwiegen wurde. Die ausführliche Antwort folgte in einem ausführlichen Chat zum todernsten Thema. Ich möchte voranstellen, dass Queer.de zugleich von Facebook-Usern heftig dafür kritisiert worden ist, die Polizeiinformation zur sexuellen Veranlagung weitergegeben zu haben. Ich verstehe die Haltung der Abendschau, sie meinen es gut. Das wird im deutlich im Gesprächsverlauf, dass ich für Nichtfacebookuser dokumentiere:

Abendschau: Offiziell, also laut Polizei-Meldung, ist bisher noch kein Tatmotiv ersichtlich. Und nur zu vermuten – auch wenn es naheliegen mag – ist dann in unserem Fall leider doch zu wenig. Wir sind deshalb aber mit der Polizei in Kontakt. Gibt es etwas offizielles dazu, werden wir es ergänzen.”

An dieser Stelle verwies ich erneut auf die PM der Polizei und auf einen Artikel, den ich selbst auf Grundlage eines Besuchs im Schwulen Museum für Queer.de verfasst habe. Dort im “Keller”-Archiv führte ich ein Gespräch über Schwulenmorde in Deutschland, und ich fügte an:

Niedermeier: Das Opfer wurde ermordet, und die Privatsphäre des noch lebenden Täters ficht mich nicht an. Es ist wichtig, dass die Bevölkerung für sexistisch motivierte Verbrechen sensibilisiert wird. Es ist ja hingäglich bekannt, dass im Volkspark Friedrichshain MSM gecruist wird.”

Abendschau: Wir möchten das Thema dadurch auch nicht kleinreden oder ignorieren. Wir waren über Nennung der sexuellen Orientierung auch überrascht, weil in der Meldung kein (möglicher) Zusammenhang zwischen dieser und der Tat hergestellt wird. Deshalb haken wir da noch mal nach – denn ansonsten ist das ja auch noch eine Sache der Privatsphäre.” Als Privatperson dürfen Sie vermuten, dass es sich um eine sexuell motivierte Tat handelt – wir können das noch nicht tun, ohne mehr Informationen von der Polizei erhalten zu haben. Sobald der Zusammenhang von der Polizei bestätigt wurde, geben wir es selbstverständlich bekannt.”

Niedermeier: “Dass die Bevölkerung für sexistisch motivierte Verbrechen sensibilisiert wird, ist wichtig. Das Opfer hat kein Privatleben mehr, weil er, mutmaßlich schwulenfeindlich motiviert, ermordet worden ist. Bitte dranbleiben.

Abendschau: Wir haben mit der Polizei gesprochen: Die Nennung der sexuellen Orientierung steht nur im Zusammenhang mit der Suche nach Zeugen – und nicht mit der Tat. Dafür gebe es auch weiterhin keine Hinweise.”

Niedermeier: Versteh ich nicht: Wieso hat die Redaktion dann verschwiegen, was der Polizei bei der Täter-Suche behilflich ist..? Glaube nicht, dass die Polizei-Information ausschließlich “queeren” Medien vorbehalten bleiben sollte.

Abendschau: Um Ihnen da unsere manchmal schwierige Situation zu schildern: Bei Twitter wurden wir mehrfach dafür kritisiert, dass wir (via Text der Polizeimeldung) indirekt die sexuelle Orientierung des Opfers verbreitet haben. Da bisher kein Zusammenhang mit der Tat erwiesen ist – und das ist ja auch weiterhin so – haben wir uns bei Facebook dagegen entschieden.

Niedermeier: Es ist nunmal eine politische Errungenschaft – gerade von lesbisch-schwulen-trans*identen Aktivisten angeregt – im Land Berlin, dass die Polizei, die mutmaßlichen Tätermotive bei rassistischen und sexistisch motivierten Gewalttaten nennt. Es ist gut und wichtig, weil damit ein Bewusstsein beim Bürger geschaffen wird und potentiellen Tätern klar ist, dass es ein besonders verfemtes Verbrechen ist, Menschen aufgrund ihres “Seins” zu beleidigen, bedrohen oder eben Gewalt anzutun.”

Abendschau: Da kann ich mich nur wiederholen: Ich verstehe Sie da voll und ganz. Aber weiterhin hat der Hinweis der Polizei bestand, dass es keinerlei Hinweise auf ein Tatmotiv gibt. Deshalb können wir die Tat hier nicht als “sexistisch motivierte Gewalttat” verkaufen. Sobald die Polizei Vermutungen oder Ergebnisse darüber veröffentlicht, werden wir das auch hier so mitteilen.”

Ich meine, die Abendschau hat es gut gemeint, aber Queer.de und Polizei Berlin haben recht. Raum für Victim-Blaming, wie etwa: “Was macht man so spät noch im Park?”, wird zugeschüttet, wenn offen kommuniziert wird.

Mein Beileid den Freunden und Angehörigen des Opfers.

Welt.de schreibt am 16.Mai 2017: “Seit Veröffentlichung des Fotos des Mannes und Informationen zu seiner Person seien jedoch vier Hinweise eingegangen, denen die Ermittler nun nachgehen, sagte die Sprecherin. Auch war mitgeteilt worden, dass der Mann wohl homosexuell war. Die Tageszeitung „BZ“ hatte offenbar mit dem Lebensgefährten des Mannes gesprochen. „Wir haben zusammen den Eurovision Song Contest geguckt“, sagte er. Sein Freund habe dann gegen zwei Uhr nachts „frische Luft schnappen“ wollen, hatte die Wohnung verlassen und war nicht zurückgekehrt.”

Über Reiserobby

Robert Niedermeier, Journalist (Reise, Lebensart, Gesellschaft)
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Ein Kommentar zu Homosexuelles Mordopfer im MSM-Cruising-Gebiet Volkspark Friedrichshain

  1. Reiserobby sagt:

    Ein User fragte mich im Facebook-Thread: “Wie kommen die Beamten darauf das das Opfer schwul war??
    Man kann sich dort auch aufhalten ohne schwul zu sein.”

    Robert Niedermeier: “Ermittlungen im familiären Umfeld oder im Wohnumfeld sowie Freundeskreis, dürfen sie annehmen. Das Tätermotiv zu kennen, ist eine wichtige Hilfe, den Täter zu finden. Das ist Polizeiarbeit.

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