Pogrom-Stimmung in Altındağ bei Ankara

Türkei

Fremdenfeindlichkeit eskaliert

Pogrom-Stimmung in Provinz Ankara. Nach Messerstecherei mit zwei verletzten jungen türkischen Männern, durchstreifen auf Rache gesinnte türkische Männer-Gruppen, die von Syrern bewohnten Stadtquartiere in Altındağ. Polizei schreitet ein, berichtet @aykiricomtr. Text: ReiserRobby, Fotos: (Aykırı)

Pogrom-Stimmung in der Provinz der türkischen Hauptstadt Ankara. Nach einer angeblichen Messerstecherei mit zwei verletzten jungen türkischen Männern, durchstreifen am Dienstagabend, den 10. August 2021, auf Rache gesinnte türkische Männer-Gruppen, die von Syrern und Afghanen bewohnten Stadtquartiere des anatolischen Stadtbezirks Altındağ in der Türkei. Altındağ, zu deutsch goldener Berg, ist eine Stadtgemeinde der türkischen Provinz Ankara, deren Gebiet sich mit dem des gleichnamigen İlçe deckt. Dort skandieren Männer, in zahlreichen Videoaufnahmen dokumentiert, “Gott ist groß”. Polizei schreitet in die fremdenfeindlich motivierten Vorfälle und Ereignisse mit Dutzenden Polizeikräften und auch Militärpolizei kaum ein

Türkei: 13.08.21: Fremdenfeindliche “Flüchtlingskritik im Fussballstadion

Update: Der “Vodafone Park” in Istanbul im Stadtteil Besiktas am Freitagabend: Einer der größten Fußballstadien der Türkei. Große Teile der Zuschauer und wohl alle Fans der AKP-nahen Fußballmannschaft Besiktas (The Black Eagle-Team) singen im Stadion: “Wir wollen keine Flüchtlinge in unserem Land”.

Es kommt seit Dienstagnacht zu Ausschreitungen und Übergriffen auf Passanten in Ankara. Fremdenfeindliche Hetzkampagnen im Internet flankierten die rassistische Pogrom-Stimmung. Daraufhin versammelten sich wütende Menschenmengen, um Geschäfte und Wohnhäuser von syrischen Bewohnern und Unternehmern zu stürmen. Update/12.08.21: “Wir verurteilen aufs Schärfste die fremdenfeindliche Angriffe auf syrische und afghanische Migranten in Altindag”, lässt die Menschenrechtsorganisation “Advocates of Silenced Turkey” verlautbaren: “Syrische Flüchtlinge sind in Ankara in Gefahr! Die türkische Regierung sollte unverzüglich Maßnahmen ergreifen, um solche diskriminierenden und gewalttätigen Hassausbrüche zu beenden.”

Hass auf Syrer: Rechtsextreme Rädelsführer stacheln auf

Pogrom ähnliche Szenen in Provinz Ankara: Türken jagen Syrer

Dies ist ein Pogrom in Altındağ,, stellt Journalist Ali Demirhan fest:

Dies ist ein Pogrom in Altındağ,, stellt Journalist Ali Demirhan fest:

Ein wütender Mob stürmt in Altındağ das Geschäft eines vermeintlich syrischen Inhabers und zerstört die Einrichtung. Dies ist ein Pogrom, stellt Journalist Ali Demirhan fest: “Mit demagogischer Rhetorik und Fakenews von denjenigen provoziert, die dachten, sie könnten vom Flüchtlingsproblem profitieren, das die AKP seit zehn Jahren ohne Lösungsvorschläge ignoriert und verstärkt. Es ist der Faschismus, der mobilisiert” und diejenigen, die sich mobilisieren lassen seien ebenso faschistisch.” In Altındağ unweit von Ankara werden auch in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag Wohnhäuser attackiert, in denen Rädelsführer von marodierenden Horden Menschen syrischer Nationalität vermuten. Auch Geschäfte von Syrern wurden angegriffen. Es kommt zu erheblichen Sachbeschädigungen. Videos zeigen auch brennende Autos. Im von rechts evozierten Gewaltausbruch entlädt sich schiere Fremdenfeindlichkeit. Die syrischen Kriegsflüchtlinge in der Türkei dienten als Projektionsfläche für Frust und Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Lage. Am Mittwoch blieben die Geschäfte syrischer Einwanderer geschlossen, die mittlerweile seit zehn Jahren Zuflucht vor Bürgerkrieg, IS-Terror, türkischen und russischen Kriegseinsätzen in der Türkei suchen. Bei den rassistischen Angriff  in der Vorstadt von Ankara wurde ein Kind verletzt. Knapp 1.000 türkische bewaffnete Faschist:innen marschierten und griffen Wohnhäuser, Geschäfte und Autos von syrischen Geflüchteten an. “Scheiben wurden eingeschlagen, geplündert, in Brand gesteckt; mehrere Autos angezündet”, fasst Dîlan Karacadağ die Ereignisse zusammen: “Während ein rassistischer Mob durch den Bezirk Altındağ (Ankara) gezogen ist, griff die Polizei nicht ein; stattdessen eskortierte sie den Lynchmob und rief: „Wir stehen Ihnen stets unterstützend zur Seite.”

Die Polizei rief  über Lautsprecher-Durchsagen zur Ruhe und Besonnenheit auf: “Lassen Sie uns die hass erfüllten Provokation in unserem Land nicht zu. Vertrauen Sie nicht den provokativen Worten von Menschen, die Sie nicht kennen”, richteten sich die Sicherheitsbehörden an die Menschen, die sich in den Sozialen Medien rassistisch aufstacheln und zu kriminellen Handlungen bewegen lassen. Journalist Nevşin Mengü berichtet auf Twitter, dass wütende türkische Männer in einigen Straßen in Altındağ “Polizei raus”-Rufen auf die Durchsagen der Polizei reagierten. Einige der syrischen und afghanischen Ausländer mussten laut Mengü am Mittwoch aus dem Bezirk evakuiert und in Sicherheit gebracht werden.

Türkei: Hass und Hetze rechtsextremer Nationalisten im Internet

ürkischer rechtsextremer Abgeordnete Sinan Oğan hetzt auf Twitter übelst gegen Afghanen und Syrer in der Türkei:

Rechtsextrem: Sinan Oğan hetzt auf Twitter übelst gegen Afghanen und Syrer in der Türkei.

Streit zwischen Einzelpersonen provoziert rassistischen Pogrom

“Es wird behauptet, dass eine syrische Gruppe zwei junge Menschen im Stadtteil Battalgazi in Ankara Altındağ erstochen hätten. Nach dem Vorfall marschierten die Bewohner des Viertels in Richtung des Gebietes, in dem sich die Syrer befanden. Wütende Bürger versuchen, die Einsätze der Bereitschaftspolizei zu stören und zu vereiteln.” (Aykırı)

Tagelang Aufruhr: Auslöser seien Hetze in Sozialen Medien nach Messerstecherei

Polizeikräfte schreiten ein.

Polizeikräfte schreiten ein in Altındağ.

Aus Altındağ kommen weiterhin neue Bilder. Eine Gruppe junger Männer rennen durch die Straßen, wo sie syrische Bewohner des Viertels Battalgazi vermuten. Die Polizei versuche laut @Publichaber die aufgebrachte Menge auf den Straßen zu beruhigen. Update/11.08.21: Am zweiten Tag der gruppenbezogen menschenfeindlichen Ausschreitungen   kommentieren Türken die Ereignisse auf Twitter: “Die Agenda des Landes wird seit Jahren in den sozialen Medien bestimmt. Jeder hat ein Smartphone in der Tasche. Es gibt geplante Provokationen mit gefälschten Videos, Gruppierungen  mit martialischen Namen wie “Wütende Junge Türken” formieren sich in Sozialen Netzwerken.” Diese Hassgruppen gewinnen ein Einfluss, warnen liberale Türken, seien verantwortlich für die Hetzjagden und Krawalle der letzten zwei Nächte in Altındağ. In Ankara Altındağ, wo Emirhan Yalçın mutmaßlich  von Syrern ermordet wurde, rotten sich rechte AKP-Anhänger zusammen und schimpfen auf die Partei von Präsident Erdogan: “Wir haben für die AKP gestimmt, doch es ist immer schlimmer geworden. Genug ist genug.”

Armenier 1955, Gülenisten & Kurden 2016, Syrer 2021: Pogrome in der Türkei

Türkische Faschisten hetzte auf Twitter gegen syrische Flüchtlinge in der Türkei

Türkische Nationalfaschisten hetzte auf Twitter gegen syrische Flüchtlinge in der Türkei

Der deutsch-türkische Journalist Erkan Pehlivan beschreibt eine Video-Sequenz: “Während draußen der Mob von Nationalisten in Altındağ tobt und Jagd auf syrische Flüchtlinge macht, erstarren ihre Kinder in Angst. Und irgendwelche Honks hier in Deutschland haben auch noch Verständnis für den Mob”, ärgert sich Pehlivan auf Twitter. Fakt ist: Der Grund, warum Syrer in der Türkei sind, ist, dass die Türkei in Syrien Krieg führt. Diejenigen, die sagen, die Syrer sollten sich aus ihrem Land zurückziehen, sollten auch sagen, die Türkei solle sich aus Syrien zurückziehen. In einem anderen Beitrag erinnert Pehlivan an die jüngere türkische Geschichte und suggeriert: Pogrome in der Türkei haben Tradition. Minderheiten seien nicht gut gelitten. Derweil türkische Nationalfaschisten auf Twitter gegen syrische Flüchtlinge in der Türkei hetzten. Andere warnen vor weiteren Hassausbrüchen und kritisieren die türkische von AKP und Erdogan geführte Regierung scharf: “Wir müssen noch einmal daran erinnern, dass Hassreden, die von der Regierung vorgebracht und in die Gesellschaft hineingetragen werden, längst über einen zivilisierten Diskurs hinausgegangen und sich in Altindag in brutale Aktionen verwandelt haben”, schreibt Hafza Girdap: “Wenn keine Maßnahmen ergriffen werden, werden Hassverbrechen zunehmend gefährlich für den inneren Frieden in der Türkei”, ergänzt die  Gender- und Frauenaktivisten im Kurznachrichten-Dienst Twitter.

Hass ohne Ende: Besiktas-Fußballspiel eskaliert zur “Flüchtlingskritik

Vodafone Park Istanbul - Rufe im Besiktas-Stadion: “Wir wollen keine Flüchtlinge in unserem Land”.

Rufe im Besiktas-Stadion: “Wir wollen keine Flüchtlinge in unserem Land”.

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Robert Niedermeier, Journalist (Reise, Lebensart, Gesellschaft)
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