Der Tourist von Eschnapur/ Udaipur – Kinoträume und Wirklichkeit im indischen Rajasthan

Indien

Der Tourist von Eschnapur

Udaipur diente bereits Babelsberg, Holly- und Bollywod als Filmkulisse. James Bond-Filme oder "Der Tiger von Eschnapur" wurden hier gedreht. Touristen genießen die exotische und sanfte Schönheit Rajasthans, doch die Realität ist hart.Text/ Fotos: Robert Niedermeier

Touristen besuchten die Insel mit dem kleineren Palast Jag Mandir, eine von vier Inseln auf dem Picola-See in Udaipur:, Foto: Robert Niedermeier

Wachmann am Bootskai der Insel Jag Mandir

Weiße Wolken ziehen am blauen Himmel vorbei, die sanfte Oberfläche des Pichola-Sees glitzert verspielt und wahrhaft majestätisch erhebt sich der Maharaja-Palast steil am Ufer der Altstadt von Udaipur empor. Die Szenerie wirkt wie ein Postkartentraum, fast so, als wäre sie direkt aus einem bunt-kitschigen Bollywood-Film entsprungen. Wäre da nicht der milchige Dunst, der das Blau des Himmel diesig wirken lässt. Die Indien-Touristen aus aller Herren Länder sind jedenfalls schwer beeindruckt als sie in dem rot-weißen, mit einem Baldachin aus Kunstoff überspannten Flachboot den See kreuzen. Mit ihren orangefarbenen Schwimmwesten schauen sie allesamt ein wenig ungelenk und albern aus.

Stadtpalast-Wachen von Udaipur

Stadtpalast-Wachen von Udaipur

„Der Tiger von Eschnapur“ hielt im Film die schöne Seetha gefangen

Nur mit gebührenden Abstand fahren die kleinen Touristenboote am Luxus-Hotel vorbei:

Das Palace Hotel auf dem Picolasee

Größer könnte der Kontrast zum erhabenen See-Palast, den der Herrscher Jagat Singh II. 1746 erbauen ließ, nicht sein. Im Spielfilm „Octupussy“ widerstand Agent James Bond in diesem schwimmenden Prachtbau aus schneeweißem Marmor den Versuchungen exotischer Tänzerinnen und machte stattdessen dem Bösewicht Prinz Kamal Khan dingfest. In Fritz Langs Kitsch-Epos „Der Tiger von Eschnapur“ hielt hingegen ein eifersüchtiger Maharadscha die Tempeltänzerin Seetha auf der künstlichen Insel gegenüber vom überdimensionierten Stadtpalast gefangen. Heute residiert das luxuriöse Palace-Hotel der Taj-Hotel-Gruppe inmitten des Sees zu Füßen des Aravalli-Gebirges. Um die 500 Euro kostet hier die Nacht pro Luxus verwöhnten Kopf.

Die Elefanten von Jag Mandir (Gartenpalast-Insel auf dem Pichola-See in Udaipur)

Die Elefanten von Jag Mandir

Touristen triumphieren: Um ein paar lumpige Rupien den Preis gedrückt

Udaipur: Boru meißelt Figuren aus Speckstein, Foto: Robert Niedermeier

Udaipur: Boru meißelt Figuren aus Speckstein

Für den 17-jährigen Boru ist das unvorstellbar. Mit ihm verhandeln Touristen am Ende der Brücke unweit des Sanskrit Colleges darüber, ob er 100, 200 oder vielleicht sogar 400 Rupien für seine in mühseliger Handarbeit aus Speckstein gemeißelten Elefanten-Figuren verlangen darf. Umgerechnet geht es dabei um 1,50 bis 6 Euro. Zwei Tage arbeitet er an so einer Miniatur. Eine zirka 12 Jahre alte Bettlerin an der nächsten Ecke, freut sich indes über eine Scheibe Toastbrot, die ihr der junge Aviv aus Israel zusteckt. „Wenn mir ein Kind in die Augen schaut, kann ich das nicht ignorieren“, sagt der 22-Jährige und ärgert sich über die Touristen, die soeben feixend triumphieren, weil sie Boru um weitere wenige lumpige Rupien im Preis nach unten drückten. Sichtlich enttäuscht, wickelt der Halbwaise die Souvenirs in altes Zeitungspapier ein und macht angesichts des wohlgenährten Paares aus Österreich verzweifelt eine gute Mine zum zynischen Verhandlungs-Spiel. „Chapati für meine Mutter und die Geschwister“, erklärt der fleißige Kunsthandwerker.

Stadtpalast Udaipur: Kühe auf einer Brücke

Stadtpalast Udaipur: Kühe auf einer Brücke

Chapati: Vollkornbrot aus Hirse, Gerste und Weizen backen

Dung trocknen, Stoffe färben, Blick von der der Terrasse des Kesar-Hotels, Foto: Robert Niedermeier

Stoffe färben, dann trocknen, wie immer helfen Kinder mit.

Dank des schlechten Deals kann Boru für den Rest der Woche immerhin genug Fladenbrot für seine achtköpfige Familie besorgen. Besser ergeht es Haider. Der Mittdreißiger hat mit seiner Frau eine gemeinsame Tochter und schleppt täglich vom Busbahnhof am Rande der 450000-Einwohnerstadt, die wenigen Ausländer ab, welche übermüdet und entnervt aus den von Mumbai ankommenden Überlandbussen steigen. Zusammen mit einer illustren Mischung aus Portugiesen, Polen, Franzosen und Deutschen blickt auch Aviv von der Dachterrasse des günstigen Kesar Hotels auf Udaipur hinab. Allesamt wurden sie von Haider überzeugt hier abzusteigen. Ihre Blicke schweifen über die Sonne gefluteten Dächer der weißen Häuser, auf denen Färberinnen schrill-bunte Stoffe zum Trocknen ausbreiten, Hausfrauen Kuhfladen in Brennstoff umwandeln und damit das vom jungen Hindu Boru heiß begehrte Chapati-Vollkornbrot aus Hirse, Gerste und Weizen backen.

Kinder auf der Palace Road in Udaipur nah dem Stadtpalast

Kinder auf der Palace Road in Udaipur

Taj Mahal: Überwältigt vom prachtvollen Anblick

Das Taj Mahal in Agra (Uttar Pradesh), Foto: Robert Niedermeier

Das Taj Mahal in Agra (Uttar Pradesh)

Den Juden Aviv zieht es weiter nach Agra, jenseits der nördlichen Grenze des Bundesstaates Rajasthan in Uttar Pradesh. Je weiter er sich auf seiner langen Reise durch Indien vom Hindu geprägten Süden in den stark muslimisch geprägten Norden begibt, desto seltener erzählt der Ex-Soldat, dass er Israeli ist. „Das kann unangenehm sein“, erzählt Aviv lakonisch. Doch natürlich möchte er unbedingt das touristische Wahrzeichen Indiens sehen. Die organisatorischen Dienste von Haider lehnt er freundlich ab, macht sich stattdessen am späten Nachmittag auf, die beschwerliche über Nacht andauernde aber preiswerte Busfahrt auf sich zu nehmen. Backpacker, Bauernjungen mit Ziegen, komplette Familien mit Kleinkindern, Arbeiter und Schüler tun es ihm gleich. Nach zwölf Stunden erreicht er die ansonsten unansehnliche Millionenstadt Agra, steigt in eine von Hunderten motorisierten Rikschas, zahlt 700 Rupien Eintritt, wimmelt Dutzende ab, die sich als Guide anbieten, passiert Kamelkutscher, durchschreitet das Eingangsportal zum Taj Mahal und ist überwältigt vom prachtvollen Anblick. Das 60 mal 60 Meter große, auf einem 10000 Quadratmeter großen Marmorsockel erbaute, vom Großmogul Shah Jahan im 17. Jahrhundert aus Liebe zu seiner Hauptfrau errichtete Mausoleum, wurde bereits Millionenfach fotografiert. Der überwältigenden Schönheit des beinah blütenweißen indischen Grabmals tut das keinen Abbruch.

Kamel, oder Rischka: Der Fotograf ging lieber zu Fuß, Foto: Robert Niedermeier

Kamel, oder Rischka: Der Fotograf ging lieber zu Fuß

Der üppig mit Zinnen ausgeschmückte Jain-Tempel von Rankapur

Auf dem Weg zum Fort von Kumbhalgarh: Kinderarbeit!, Foto: Robert Niedermeier

Auf dem Weg zum Fort von Kumbhalgarh: Kinderarbeit!

Währenddessen schickt der als Reiseveranstalter annoncierte Haider seinen Kompagnon Lucky mit den beiden Deutschen auf Tagestour zum Fort von Kumbhalgarh. Eine malerisch schöne Landschaft zieht im Laufe der drei Stunden dauernden Autofahrt an ihnen vorbei. Seen, Flüsse, Hügel, Schluchten und Wälder wechseln sich im subtropischen Rajasthan ab. Dann zeigt sich schon von weitem die insgesamt 36 Kilometer lange Festungsmauer. Wie die meisten Touristen steuern auch Luckys Schützlinge auf dem Rückweg nach Udaipur den üppig mit Zinnen ausgeschmückten Jain-Tempel von Rankapur an. Wie an allen nationalen Denkmälern und Heiligtümer Indiens, zahlen ausländische Touristen weitaus mehr Eintritt als die vielen einheimischen Besucher. Aviv findet das nur gerecht als sich alle bei sehr gutem vegetarischen Essen im Hotel Kesar zur Abendstunde wieder treffen.

Eingang zum Jain-Tempel, Foto: Robert Niedermeier

Eingang zum Jain-Tempel

Erneut konnte Haider weitere Touristen ins Hotel lotsen

Arif versucht in seinem Lederwarengeschäft nahe dem Maharaja-Stadtpalast Ware feilzubieten., Foto: Robert Niedermeier

Arif ist Designer und Verkäufer in Udaipur

Im wilden Sprach-Gewirr berichten die Hotelgäste von ihren Ausflügen. Nolwenn, eine energische Französin aus der Normandie, zeigt stolz ihre neue Ledertasche, die sie unweit der Traveller-Herberge in Arifs Lederwarengeschäft nahe dem Maharaja-Stadtpalast erworben hat. Aviv beäugt die Schafsleder-Tasche kritisch, die in Israel oder Europa das Achtfache dessen kosten würde, was der Lederdesigner von der erfahrenden und im Verhandeln geschickten Reisenden letztendlich kassieren durfte. Haider indessen zeigt sich wieder mal zufrieden. Erneut konnte er weitere Touristen ins Hotel lotsen. In dieser Woche winkt eine lohnende Provision der Betreiberfamilie. Derweil senkt sich der Halbmond als bleiche Sichel am Nachthimmel und spiegelt sich im Pichola-See wider. Schöner konnte es auch Fritz Lang in „Der Tiger von Eschnapur“ nicht inszenieren. Die Touristen von Udaipur sind glücklich.

Indische Touristen posieren, im Hintergrund die lange Festungsmaue

Posieren im Fort von Kumbhalgarh


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Über Reiserobby

Robert Niedermeier, Journalist (Reise, Lebensart, Gesellschaft)
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