Queersein – Sichtbarkeit als Sicherheitslücke

Menschenrecht

Love hurts, Love heals

Menschen, die im öffentlichen Raum als Trans*, Lesben oder Schwule auffallen, leben gefährlich. Das Risiko ist besonders für Pärchen hoch. Sichtbarkeit fördert eine Sicherheitslücke im System zutage, der wir mit Strafverfolgung allein nicht beikommen. Text: Robert Niedermeier, Zitate, Foto: Niedermeier

“Totgeschwiegen – Totgeschlagen”, prangt auf dem 1994 in Köln eingeweihten Mahnmal in Gedenken an die in Nazi- und der Bundesrepublik Deutschland verfolgten, eingesperrten und ermordeten LSBTTIQ. Lesbisch-schwule Sichtbarkeit gilt als ein Rezept gegen Ignoranz und Diskriminierung. Doch das Risiko, zum Opfer homophob motivierter Gewalt zu werden, tragen die Lesben, Schwule und Trans*-Personen, die sich zu erkennen geben oder als vermeintlich queer benannt werden. Besonders für gleichgeschlechtliche Pärchen ist es gefährlich, Hand in Hand durch die Stadt zu spazieren. Sichtbarkeit fördert eine Sicherheitslücke im System zutage, der wir mit Strafverfolgung allein nicht beikommen. Mut ist nötig, das System der Angst zu durchbrechen. Einzelpersonen, die sich das nicht trauen, Feigheit vorzuwerfen, ist jedoch brutal. Die Stärkeren helfen den Schwachen, das ist zivilisiert: Wir alle müssen zusammenhalten.

Horror und Hoffnung – Hand in Hand durch die Straßen schlendern

“Mordfälle an Schwulen würden “extrem grausam verübt”, so der Archivar. Die gute Nachricht ist, dass die Mordrate gesunken ist: “Waren es Ende der 1980er Jahre noch 30 Tötungsdelikte, sind es heute nur noch fünf pro Jahr”, sagt Dobler, fügt jedoch an: “Die allgemeine Gewalt gegen Schwule hat kaum abgenommen. Ständig gibt es Meldungen über Überfälle.” Das Motiv: Hass auf Homos. Einem besonders hohen Risiko sind Männer-Pärchen ausgesetzt, wenn sie in der Öffentlichkeit Händchen halten oder Zärtlichkeiten austauschen. Sie werden zumeist in aller Öffentlichkeit von Tätern zur Zielscheibe erklärt, beschimpft, geschlagen und getreten.”, schrieb ich am 25.10.2014 für Queer.de über das Mord- und Totschlag-Archiv im Berliner Schwulen* Museum.

“Egal ob in trauter Gemeinsamkeit begraben oder nicht – das bleibt jede_r selbst überlassen –, sichtbarer zu werden in den Medien und anderswo bleibt ein Ziel. Deshalb reihen wir für euch in loser Folge aus unserer Sicht gelunge (vielleicht auch mal weniger gelunge *grins*) Beispiele auf. Heute gleich zwei, sehr unterschiedliche aktuelle Sichtbarkeiten”, schreibt Sabin Arnolds am 03. Februar 2015 auf phenomenelle.de und erzählt über das Coming Out der venezolanischen Schauspielerin  Patricia Velásquez und über das Instagram-Foto der küssenden Lesben zusammen mit dem “Erfinder” des russischen Anti-Homo-Propaganda-Gesetzes. Zwei erbauende, schöne Geschichten.

“Zwei junge Frauen wurden am Dienstagabend in Berlin-Wedding von mehreren Männern attackiert”, meldet Queer.de am 04. Februar 2015.

“Vor einiger Zeit verabschiedete ich meinen Freund an einem Gleis im Bahnhof von Hannover. Wir hielten einander lange im Arm und genossen die verbleibende Zeit der Nähe, bis der Zug kommen würde. Dann bemerkten wir, dass ein vielleicht sieben- oder achtjähriger Junge uns sehr interessiert ansah. Er wirkte nicht verunsichert, sondern war offenbar einfach nur von dem ungewohnten Anblick so fasziniert, dass er wie von einem unsichtbaren Faden gezogen näher kam. Vielleicht hatte das Bild, das er sah, mehr mit ihm selbst zu tun, als er zu diesem Zeitpunkt verstehen konnte, vielleicht aber auch nicht. Die erwachsene Begleiterin des Kleinen beobachtete das Ganze aus einiger Entfernung und ließ den Knirps einige Zeit still lächelnd gewähren. Wir lächelten alle. Erst als sie vermutete, dass wir uns vielleicht gestört fühlen könnten, kam auch sie näher und erklärte uns in freundlich entschuldigendem Tonfall, dass der Junge wohl noch nie zwei Männer gesehen habe, die einander so umarmten. Dann gingen die Beiden weiter”, erzählt “Fink” vom Blog “Der Zaunfink” im Januar 2015 zum Ende  seiner Geschichte über die Sichtbarkeit von Queers, spannt den Bogen vom Stonewall-Aufstand bis in die Gegenwart und seinem eigenen schwulen Alltag.

“Drei Unbekannte bauten sich drohend vor ihren beiden Opfern auf und fragten, ob sie schwul seien. Nachdem beide dies bejahten, schlug einer der Täter dem 31-Jährigen mit der flachen Hand ins Gesicht und beleidigte beide homophob”, berichtet Queer.de am 14.02.2015.

Hand in Hand gegen Homohasser: Ehrensache und Bürgerpflicht

Gegen Dummheit ist zwar kein Kraut gewachsen..., doch desinformierende Fascho-Propaganda muss widersprochen werden.

Gegen Dummheit ist zwar kein Kraut gewachsen…, doch desinformierende Fascho-Propaganda muss widersprochen werden.

Hoffnung und Mut alleine helfen nicht. Aufklärung und Erziehung, vom Kindergarten an, Erwachsenenbildung, auch am Arbeitsplatz, im Jobcenter und im Sportverein sind von Nöten. Ein breites Bündnis muss sich dem Hass auf Homos und Frauen entgegenstellen. Das Risiko, das Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans* tragen, muss auf die Schultern aller gesellschaftlichen Gruppen verteilt werden. Humanisten und Theologen, Politiker und Künstler, jeder Einzelne und die gesamte Gesellschaft stehen in der Verantwortung, den Hass zu besiegen. Menschenrechte sind unteilbar. Homofeindlicheit ist der Feind aller Bürger, trifft jeden, unabhängig seiner Herkunft, Ethnie, Religion oder Weltanschauung. Man muss nicht einmal schwul oder lesbisch sein, um als vermeintlicher Schwuler oder mutmaßliche Lesbe brutal zusammengeschlagen zu werden. Unsere Demokratie, die Freiheit und Unantastbarkeit der menschlichen Würde stehen auf dem Spiel. Wer einen Menschen aufgrund seiner sexuellen Identität angreift, beleidigt oder ausgrenzt und diskriminiert, attackiert alle, verletzt die Demokratie und grenzt sich selbst aus. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit den Garaus machen ist Ehrensache und Bürgerpflicht. Handeln tut Not: Hand in Hand gegen Faschismus, Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie und Sexismus.

Unvollständig: Die Liste an homo- und transphoben Gewaltakten

“Auf dem Nachhauseweg wurde ein junges Paar angepöbelt und angegriffen. Ein 18-Jähriger wurde durch einen Faustschlag am Auge verletzt”, berichtet Queer.de am 12.07.2015

“Am Rande eines Fußballspiels in Prenzlauer Berg ist am Freitag ein schwules Paar zunächst beleidigt und dann attackiert wurden. Einer der Männer wurde dabei schwer verletzt, berichtet die Polizei”, meldet Queer.de am 25.07.2015.

Queers sind Ansporn und Vorbild für gelebte Vielfalt und Toleranz!

About Reiserobby

Robert Niedermeier, Journalist (Reise, Lebensart, Gesellschaft)
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