Berlin-Kreuzberg verwahrlost ohne die Touristen!

Berlin

Shopping-Erlebnis – janz prekär

Von Overtourism keine Spur, die Berlin-Touristen sind im Pandemie-Lockdown ausgesperrt. Das Müllproblem ist in der Stadt geblieben. Auf dem Weg zum notwendigen Lebensmittel-Einkauf säumt Müll und Dreck die Passage im ehemaligen Ausgehviertel von Kreuzberg. Die Verwahrlosungstoleranz ist groß im Bezirk. "Ich bitte Sie um Unterstützung zur Verbesserung der Situation", schreibt ein Kreuzberger an Bezirk, Politikerinnen und der Berliner Presse. Denn Hilfe tut Not. Fotos: privat

Overtourism (Over-Tourismus) – bis zum späten Winter im Jahre 2020 waren die schädlichen Folgen von zu viel Tourismus in Berlin ein Thema der Stadtgesellschaft. Viele Probleme konnten die politisch verantwortlichen Bürger:innen dem Tourismus anlasten: Wohnungsnot, Lärmemission, Beschaffungs-Kriminalität, BTM-Verstöße und die Vermüllung der bei Touristen populären Innenstadt-Kieze wie Friedrichshain, Mitte, Neukölln, Schöneberg und Kreuzberg brachten Politikerinnen aus Berlin mit den City-Trip-Verrückten von Außerhalb in Zusammenhang. In Folge wurde ein Gesetz beschlossen, welches das gewerbliche Untervermieten von privaten Wohnraum an Touristen streng reglementiert und nervig-gruselige Pantomime-Trupps fordern im Auftrag des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg feiernde Touristen auf, in der Außen-Gastronomie die Klappe (leiser) zu halten. Nun, seit der neuen Normalität im Schatten der Covid-19-Pandemie, sind Touristen auch in Berlin kein Problem mehr.

+++ Der Rückgang der typischen Verbrechen am Alexanderplatz habe bei 24 Prozent gelegen, am Hermannplatz sei der Trend ähnlich gewesen, sagte Slowik. Auch auf der Warschauer Brücke und am nahe gelegenen RAW-Gelände sei die Kriminalität gesunken. Gerade dort hätten aber die ausbleibenden Touristen und Wochenend-Partybesucher eine große Rolle gespielt. Negativ fiel vor allem die Gegend um das Kottbusser Tor auf, erklärte Slowik. Dort gab es einen Anstieg der Straftaten um bis zu 30 Prozent. Grund sei der Verdrängungseffekt. Durch die vielen Polizeikontrollen im Görlitzer Park habe sich die Drogenszene zum Teil zum Kottbusser Tor bewegt. „Wir intensivieren die Maßnahmen dort weiter.“ (Quelle: Tagesspiegel)

Es sind schließlich kaum noch Touristen im Großstadt-Dschungel zu erspähen, aber wie die Wohnungsnot, Lärmemission, Beschaffungs-Kriminalität und  BTM-Verstöße ist auch das immer noch sehr akute Müllproblem geblieben. Berlin ist dreckig, ganz ohne den viel und zurecht gescholtenen Über-Tourismus. Und im bundesdeutschen Lockdown Light ist es offensichtlich auch in der Hauptstadt noch schlimmer geworden mit der Müllmisere.

Müll oder Auslegware? Passanten sind irritiert.

Müll oder Auslegware? Passanten sind irritiert.

Problem: Kommunale Überforderung mit Armut & sozialer Verwahrlosung

Wo zuvor Gewerbetreibende aus dem Einzelhandel, der Gastronomie und Unterhaltungsbranche für Ordnung und tatsächlich auch “Sicherheit” sorgten, fehlt plötzlich, da die Geschäftsgrundlage entfallen ist, das bürgerliche Engagement im Kapitalismus. Die Kommunalverwaltung scheint indes überfordert, die Daseinsvorsorge vollumfänglich zu gewährleisten. Die real existierende soziale Verwahrlosung Berlins erlebt etwa ein Anwohner der Reichenberger Straße hautnah. Der Kreuzberger setzt sich Ende Januar hin, schreibt und sendet an die Berliner Presse und Kreuzberger Bezirkspolitiker:innen der demokratischen Parteien eine kurze E-Mail mit der Bitte um Hilfe. Dem Anwohner fällt seit mehreren Monaten ein besonders vermüllter Bereich direkt am Kottbusser Tor (Kotti) unweit des dortigen Supermarktes auf. Menschen in offensichtlich prekärer Lebenssituation verkaufen hier – ohne medizinische Masken oder anderen Mund-Nasenschutz tragend – zwischen Betonsäulen am Gehsteig-Rand gebrauchte, mutmaßlich gefundene Habseligkeiten und sonstige Dinge an Passanten.

“Hallo Herr Niedermeier,
die Waren, die am Kotti feilgeboten werden, stammen meiner Ansicht nach aus den Entrümplungsboxen “Zu verschenken”, die des öfteren am Wegesrand zu finden sind. Die Sachen verstreuen sich, die Stadtreinigung kommt einfach nicht hinterher. Bestens Samuel” (Quelle, Kommentarfunktion)

Diese Form der Wiederverwendung von Gebrauchsgegenständen ist eigentlich lobenswert – vermeidet schließlich Müll, aber die hygienischen Umstände und die Verwahrlosung des Areals sind nicht haltbar und die Arbeitsbedingungen, der von Armut offensichtlich hart getroffenen “Bettelverkäuferinnen” verletzen die Menschenwürde.

Wilder Trödelmarkt am Kotti

Trödelmarkt: Arbeits- oder Verbraucherinnenschutz ist nicht gewährleistet.

Menschenunwürdige Verwahrlosungstoleranz hilft armen Menschen nicht

Zitiere fortlaufend den oben erwähnten E-Mail-Brief unkommentiert im Originallaut und veröffentliche eine Fotoauswahl des hilferufenden Beschwerdeführers in diesem Post.

“Sehr geehrte Damen und Herren,
seit geschätzt einem halben Jahr verwahrlost es nahe dem Rewe-Markt (Skalitzer Str. 134) am Kottbusser Tor zusehends. So schlimm habe ich es in den 15 Jahren zuvor nie erlebt. Fast täglich wird an der schmalen Schneise zwischen Rewe und Eingang zur U-Bahn ein wilder Markt organisiert. Auf den Fotos verschiedener Tage im Anhang bekommen Sie einen schwachen Eindruck. Häufig ist es sehr viel stärker vermüllt als auf den Bildern, vor allem gegen Abend. Verkäufer* des Marktes sind häufig aggressiv, so dass auch schon Personen in mich hinein rempelten, die leider auch nicht sehr gesund wirken. Ich glaube die Angst vor Krankheiten wie Hepatitis und Covid-19 ist nicht ganz unberechtigt. Ich bin eigentlich ein sehr unempfindlicher Mensch, aber als Anwohner empfinde ich das Ausmaß mittlerweile als sehr unerträglich. Mir tun ehrlich gesagt auch die Leute leid, die unter unhygienischen Verhältnissen auf der Straße leben und auch vom Müllverkauf abhängig sind. Ich fühle mich ohne Hilfe nicht in der Lage positiv auf mein Umfeld einzuwirken, was ich als engagierter Mensch normalerweise täte. Beim Ordnungsamt habe ich nicht den Eindruck, dass sich jemand in der Verantwortung sieht. Beim Anruf im letzten Dezember wurde ich darauf verwiesen, dass das Ordnungsamt derzeit außer Betrieb sei. Auch der Kontakt vor einigen Wochen über die Ordnungsamt-App hat bisher keine Änderung bewirkt. Die Polizei-Mitarbeiter, die häufig in Blicknähe des wilden Marktes stehen, habe ich diesbezüglich nie aktiv gesehen. Nicht nur direkt vor dem Rewe-Markt sieht es schlimm aus, auch auf der Mittelinsel, die ich aber zu Fuß eher selten passieren muss. Ich bitte Sie um Unterstützung zur Verbesserung der Situation. Vielleicht mit Streetworkern.

Mit freundlichen Grüßen, …”

Kreuzberg: Ordnungsamt-App hat bisher keine Änderung bewirkt

Rares für Bares am Kotti: Hinterlassenschaft des Trödelmarkt oder neu hinzugestellt?

 

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About Reiserobby

Robert Niedermeier, Journalist (Reise, Lebensart, Gesellschaft)
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4 Responses to Berlin-Kreuzberg verwahrlost ohne die Touristen!

  1. Samuel Manteuffel sagt:

    Hallo Herr Niedermeier,
    die Waren, die am Kotti feilgeboten werden, stammen meiner Ansicht nach aus den Entrümplungsboxen “Zu verschenken”, die des öfteren am Wegesrand zu finden sind. Die Sachen verstreuen sich, die Stadtreinigung kommt einfach nicht hinterher.
    Bestens Samuel

  2. […] der Hausordnung halten. Frustrierte BSR- oder resignierte Hauswarte und meine Nachbarn haben die soziale Verwahrlosung nicht verdient oder verschuldet. Der Bezirk mit seinem bürokratisierten Subsidiaritätsprinzip ist […]

  3. […] rege ich mich über einen Tweet der grünen Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Kreuzberg-Friedrichshain auf, was aber keinerlei Erleichterung verschafft, weil Esprit, Visionen und Charisma […]

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