Pannenflughafen-Eröffnung – Rückblick ins Jahr 2012

Geschichte

Morgens länger schlafen

Folgenden Text schrieb ich vor über acht Jahren. Heute am Samstag, den 31.10.2020, am Tag der tatsächlichen Eröffnung vom berühmt-berüchtigten Pannenflughafen BER veröffentliche ich gerne eine Art Rückblick auf den Frühsommer 2012... Los gehts: Der verpatzte Neubau des Willy Brandt-Flughafens ist ein Ärgernis. Für Passagiere und dem Einzelhandel vor Ort an den beiden nun doch noch nicht ausgedienten Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld. Text: Robert Niedermeier, Fotos: Richard & Robert Niedermeier

„Über Berlin lacht die Sonne, über Klaus Wowereit lacht die ganze Welt”, veralbert Oliver Höfinghoff, Fraktionsmitglied der Piratenpartei, im Berliner Abgeordnetenhaus den Oberbürgermeister der deutschen Hauptstadt. Als Chef des Aufsichtsrats des Flughafenprojekts muss der zweimal wieder gewählte SPD-Poltiker bei der BER-Debatte Spott und Häme der Politikerkaste einstecken. Kein Wunder: Das Vorzeige-Projekt der deutschen Touristenhochburg, die nach London und Paris, die meisten Hotelbuchungen in ganz Europa verzeichnet, entpupt sich als Desaster. Ende Mai kommt raus: Wegen Pfusch am Bau und eklatanten Mängeln im Brandschutz, bleibt der Großflughafen verriegelt.

BER-Chronik des Scheiterns  – ein Happy End mit Klima-Protesten 2020

Hübsch, aber nach wie vor eine Baustelle: Der hypermoderne Terminal des Großflughafens BER bleibt außer Betrieb

Statt am 3. Juni 2012 fliegen Millionen von Berlin-Besuchern erst ab dem 17. März 2013 via dem neuen Willy-Brandt-Flughafen Berlin-Schönefeld an – womöglich wohlgemerkt. Ein Debakel, höhnt die Presse. Experten warnen zudem vor dem totalen Flug-Chaos an den beiden, spätestens in den Sommerferien überlasteten Alt-Flughäfen.
Dem nun doch nicht ausgedienten Flughafen Schönefeld sieht man das Entsetzen nicht an. Alles ist beim Alten, wie immer lässt der lange Weg vom Hauptterminal durch den Nieselregen bis zur S-Bahn-Station die Urlaubsstimmung vollends verfliegen. Marode wirkendes Gemäuer drückt zudem die Laune der Urlauber, die den DDR-Flughafen vornehmlich mit Günstig-Airlines erreichen. Kurzum: Der Lack ist ab. „Musste gerade meine Koffer im Gewühl suchen, weil das Gepäckband streikte. Das absolute Durcheinander“, motzt eine Berlinerin mit Dauerwelle, die gerade vom Wochenendtrip aus London heimkehrt. Jetzt steht sie wie ein begossener Pudel am Gleis und wartet auf die S-Bahn in Richtung Neukölln.

ErBERmlich: Was lief schief beim berühmten Pannenflughafen?

“Der BER sollte Europas modernster Flughafen werden, stattdessen wurde er beinahe Europas erste Flughafen-Ruine und machte seine Erbauer zum Gespött der Welt. Der neue Hauptstadtflughafen verschlang mehr als sieben Milliarden Euro, er ruinierte Politikerkarrieren und geht nun mit neunjähriger Verspätung Ende Oktober 2020 an den Start. Was lief schief auf der Flughafen-Großbaustelle?” (Arte)

Zeitsprung ins Jahr 2020 – der BER-Pannenflughafen hat eröffnet

“Nach langem Warten ist es soweit: Der Berliner Flughafen BER öffnet – auch wenn viele daran nicht mehr geglaubt haben. Denn längst steht der Flughafen sinnbildlich für jahrelange Fehlplanung und Missmanagement. Wir sind live vor Ort, wenn die ersten Flugzeuge landen, blicken zurück auf Pleiten, Pech und Pannen und sprechen mit dem Flughafenplaner Dieter Faulenbach da Costa. Stellt eure Fragen und diskutiert mit: Ist der neue Hauptstadt-Flughafen ein Megaprojekt – oder Milliardengrab?” (ZDF/YouTube)

Der Flughafen-Einzelhandel harrt im Juni 2012 in der Warteschleife

Juni 2012 - Filialleiter im Flughafen-Einzelhandel

Juni 2012 – Filialleiter im Flughafen-Einzelhandel wartet auf BER-Eröffnung

Am anderen Ende der Stadt, ganz im Westen der Millionenmetropole indes wartet Fabrizio Maccarone auf die Eröffnung des brandneuen Willy-Brandt-Flughafens. Eigens angestellt für die neuen Shops der traditionellen Piloten-Uhrenmarke, muss er im Juni zwangsläufig eine Teilzeit- statt Vollzeitstelle als Filialleiter antreten. Solange bis der neue, bislang 630 Millionen teure Flughafenkomplex endlich bezogen werden darf. Doch das dauert. Mitte Juni pfeifen die Berliner Spatzen es von den Dächern; auch die neue, für März 2013 vorgesehene Inbetriebnahme sei reine Makulatur. „Es stellt sich die Frage, ob die Entrauchungsanlage jemals funktionieren wird“, zitiert der Berliner Tagespiegel den Manager einer am Flughafenneubau beteiligten Baufirma.

Teure Luxusuhren sind perfekt für brandneuen BER-Hauptstadtflughafen

Gerd Siegel im kleinen Luxus-Uhren-Shop im Flughafen Tegel (v.l.n.r.)

Gerd Siegel im kleinen Luxus-Uhren-Shop im Flughafen Tegel (v.l.n.r.)

Für Fabrizio Maccarones Chef sind das freilich keine guten Aussichten. „15000 Euro Mehrkosten pro Monat“ rechnet Geschäftsführer Leonhard Müller im badischem Dialekt am Telefon vor, „entstehen uns allein an Personalkosten durch den verpatzen Umzug von Tegel nach BER-Schönefeld.“ Nach 60 Jahren Stillstand hat der Unternehmer die Berliner Manufaktur Askania vor 11 Jahren wieder belebt. Weltweit so erfolgreich, dass das für den Einzelhandel zuständige „Non Aviation Management“ der Berliner Flughäfen den 66-Jährigen dazu überredete, zum Mitglied der 150 Läden und Gastrostellen großen Flughafen-Familie zu werden. Schließlich passt das Sortiment, zwischen 1000 und 3000 Euro kostbare Piloten-Uhren und weitere Accessoires im Fliegerstil, perfekt zum angepeilten glamourösen Image des internationalen Willy-Brandt-Airports.

Obama und Brandt schütteln sich die Hand

Die Eröffnung des Willy Brandt-Flughafens ist im Juni 2012 in weite Ferne gerückt.

Kostenexplosion: 400 Millionen Euro extra verschlingt die Verzögerung

Der winzige Eck-Laden im Terminal zu Tegel ist da lediglich als Übergangslösung gedacht. „Bis zum Umzug, der aber gar nicht stattfindet“, spöttelt Gerd Siegel, der schon vor dem Flughafen-Abenteuer bei Askania beschäftigt ist. Der Urberliner macht sich lustig über die Flugssicherheitsbestimmungen, die er und sein Kollege Maccarone über sich haben ergehen lassen müssen: „Formulare ausfüllen, Formulare ausfüllen, Formulare ausfüllen und das für nichts und wieder nichts“, grinst er und fasst sich dabei an den Kopf: „Das war mir persönlich längst klar“, erinnert sich der gelernte Einzelhandelskaufmann. „Als wir im April die beiden neuen Läden einrichteten, glich drum herum immer noch alles einer einzigen Großbaustelle“, erzählt Siegel. Eine kostspielige Baustelle, nicht nur für seinen Chef Müller, sondern ganz Berlin, Brandenburg und dem Bund. Über 400 Millionen Euro extra verschlingt allein die Verzögerung: Die von Bürgermeister Wowereit lauthals versprochenen Wiedergutmachungen inklusive. Beim Weg nach draußen fällt dem Askania-Neukollegen Maccarone doch noch etwas Positives ein. „Im neuen Flughafen Schönefeld dürfen Kunden viel früher, schon ab fünf Uhr morgens, einkaufen. Solange BER geschlossen bleibt, kann ich morgens also länger schlafen“, schmunzelt der Filialeiter in spe während am Himmel über Berlin-Tegel die Juni-Sonne wieder lacht.

The Never Ending Story in Berlin rund um den BER

Zwei Jahre später, im Jahre 2014 veröffentlichte ich auf ReiseRobby.de einen Kommentar meinerseits zur Anhäufung an Skandalen rund zum den missglückten Pannenflughafen BER.

Die Akte BER: Korruption, Kompetenz und Kumpanei

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Robert Niedermeier, Journalist (Reise, Lebensart, Gesellschaft)
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