Hilfe für Haiti: Tropfen auf dem heißen Stein

Karibik

Der Horror von Haiti

Genozid an den indigenen Völkern, Verschleppung aus Übersee in die Sklaverei, koloniale Unterdrückung und ausbeuterischer Rassismus. Die Geschichte Haitis ist eine Aneinanderreihung von politischen Desastern und Menschenrechtsverletzungen. Dazu kommen Naturkatastrophen wie tropische Wirbelstürme und verheerende Erdbeben. Der bettelarme Nachbar vom Urlauberparadies Dom-Rep wurde von Krisen zerrüttet. Ist Haiti noch zu retten? Text: Niedermeier, Fotos: Schür/ZDF

Ferienvergnügungen ganz im Osten von Hispaniola: Die Pauschal-Urlauber am Strand eines komfortablen Resorts von einem großen deutschen Tourismus-Konzern schießen in Punta Cana lustige Selfies von sich und kulissenstarke Urlaubsfotos des Ferien-Partners. Am anderen Ende der Karibik-Insel Hispaniola wird dieser Tage scharf geschossen und in den Trümmern nach Opfern der letzten Erdbeben-Katastrophe gesucht. Haiti – der bettelarme Nachbar der touristisch beliebten Dominikanischen Republik braucht erneut internationale Hilfe. Nach dem Erdbeben im August ist die Infrastruktur der haitianischen Republik in großen Teilen zerstört. Trinkwasser und Nahrung fehlen den französischsprachigen Menschen Haitis in den vom Erbeben heimgesuchten Siedlungen ebenso wie Sicherheit und Ordnung auf den staubigen Landstraßen. Plündernde, kriminelle Banden kontrollieren im Sommer 2021 große Teile des westlich der Dom-Rep gelegenen Landes.

Haiti: Kriminelle Banden bieten Erdbeben-Opfern Hilfe an

Wer kann, flieht in die Dominikanische Republik im Osten

Gastarbeiter aus Haiti in der Dominikanischen Republik

Gastarbeiter aus Haiti in der Dominikanischen Republik

Die Situation sei dramatisch, berichtet das ZDF am 19. August. Die Ganoven überfallen außerhalb der Hauptstadt Port-au-Prince Hilfskonvois oder erpressen Helfende vor Ort. Hilfsorganisationen haben es in Haiti umso schwerer, die bitter nötige Hilfe für die Bevölkerung überhaupt zu leisten. Politisches Chaos und die grassierende Korruption, organisierte Kriminalität und Staatsversagen verunmöglichen indes einen nachhaltigen Wiederaufbau des nahezu komplett gescheiterten Inselstaates. Die seit Jahrhunderten währende Tragödie Haitis ist zu einem ganz realen Horror-Szenario im Hier und Heute erwachsen. Wer kann, flieht ins lateinamerikanische Nachbarland und verdingt sich als Feldarbeiter im Hinterland von Higüey oder als Schuhputzer in Santo Domingo seinen Lebensunterhalt am unteren Rand der dominikanischen Gesellschaftsordnung. Das Prostitutionsgewerbe der dominikanischen Urlaubsorte rekrutiert ihr Personal ebenfalls mehrheitlich aus der Gruppe der Gastarbeiter:innen mit französischem Akzent aus Haiti.

Hilfe für Haiti – ein Tropfen auf dem heißen Stein (Alexandre Michel)

Hilfe für Haiti - Tropfen auf dem heißen Stein

Hilfe für Haiti von Ärzte ohne Grenzen – Tropfen auf dem heißen Stein

Die komplette Geschichte Haitis ist eine Aneinanderreihung von Naturkatastrophen und politischen Desastern. Tropische Wirbelstürme und verheerende Erdbeben treffen ein ohnehin geschundenes Land. Ist den Menschen auf Haiti noch zu helfen? Selbst Alexandre Michel, der mutig-engagierte und mutmaßlich hart gesottene Helfer von der NGO “Ärzte ohne Grenzen” wirkt am 19. August 2021 im Gespräch mit der ZDF-Korrespondentin Claudia Bates für die Heute-Journal-Redaktion verzweifelt-euphemistisch bis hoffnungslos: “Alles ist besser organisiert als früher, alle ziehen an einem Strang” vergleicht Arzt Alexandre Michel die Situation heute mit dem zerstörerischem Erdbeben von 2010 noch optimistisch klingend: “Es geht jetzt auch schnell, aber…” stockt der Freiwillige, “…aber es ist einfach zu wenig: Die Hilfe ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.” Die ZDF-Sendung Heute-Journal Update vom 19.08.2021, in der Alexandre Michel von Ärzte ohne Grenzen mit der ZDF-Korrespondentin Claudia Bates über die Hilfe für Haiti nach der Erdbebenkatastrophe spricht, ist in der Mediathek bis zum 22. August 2022 verfügbar. Der Beitrag über Haiti läuft ab Minute 16.29.

Katastrophale Geschichte wiederholt sich abermals in Haiti

Vor elf Jahren erschüttert ein noch gewaltigeres Erdbeben den Westen von Hispaniola. “In den Straßen nichts als Hoffnungslosigkeit, Trauer und Entsetzen”, schreibt  2010  Jean-Mary Louis von Miseeor für FR-online.de aus Port-au-Prince: “Fast jedes zweite Haus ist zerstört, auf den Straßen stapeln sich die Leichen, ganz zu schweigen von den Toten, die aus den Trümmern geborgen werden müssen. Das Hauptgefängnis von Port-au-Prince zum Beispiel ist fast vollkommen zerstört. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie viele Tote dort begraben sind. Und an der Grenze zur Dominikanischen Republik warten zumindest einige Krankenwagen und Fahrzeuge mit Nahrungsmittelhilfe auf Genehmigung zur Durchfahrt, aber das sind doch alles nur Tropfen auf den heißen Stein.” (FR, 2010)

Koloniale Hintergründe, um Haitis Leiden nachvollziehen zu können

Die Medien in den westlichen Industriestaaten neigen mit wenigen Ausnahmen dazu, diese afrokaribische Republik ausschließlich als Hort von Katastrophen wahrzunehmen, sie nur kurz zu fokussieren, sobald sie von neuem Unheil heimgesucht wird, um sich dann ebenso schnell wieder verständnislos von ihr abzuwenden. An die tiefer liegenden Ursachen der Armut des haitianischen Volkes zu erinnern, ist ein Beitrag zur Versachlichung der Diskussion. (BPD)

Hilfe für Haiti – kein Tropfen auf dem heißen Stein: Spendet!

Haiti ist zu retten, aber die Lage ist desaströs und der politische Hintergrund komplex. Akut braucht Haiti Not-Hilfe, die mehr als nur der Tropfen auf dem heißen Stein ist, Spendet Geld, um die NGO vor Ort in Haiti zu helfen. (Hilfe für Haiti-Spenden) “Manchmal fragen mich Menschen in Deutschland, ob unsere Hilfe nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Wir können doch nicht allen Obdachlosen helfen! Es gibt doch Menschen, denen noch gar nicht geholfen wurden! Das stimmt alles. Aber wenn ich sehe, wie ein junges Mädchen das Wasser zu dem selbst gebastelten Zelt trägt, wie ihre Familie darauf wartet, wie die Mutter das Wasser nimmt und anfängt zu kochen, dann bin ich wahnsinnig stolz. Auf irgendeine Art bin ich Teil von dieser Hilfe, habe meinen Beitrag zum Wasser in diesem Eimer beigetragen. Der Spender, der fünf Euro gespendet hat, hat auch einen Teil zu genau dem Wassereimer beigetragen.” (Blog_drk, 2010)

 

Wie alles begann: Genozid der Ureinwohner, Verschleppung und Sklaverei

Schuhputzer in Higüey: Viele von ihnen sind Haitianer mit französishchem Akzent

Schuhputzer in Higüey: Viele von ihnen sind Haitianer mit französischem Akzent.

Es war ein historisches Aufbegehren. Die Befreiung von der Sklaverei führte Haiti bereits am Ende des 18. Jahrhundert in ein neues Zeitalter. Die für lange Zeit allererste karibische Republik ward gegründet, die, weltweit einzigartig, von Nachkommen der vom afrikanischen Kontinent nach Amerika verschleppten und versklavten Zuckerrohr-Plantagen-Arbeiter:innen unabhängig von der französischen Kolonialmacht organisiert und verwaltet worden war. 250 Jahre zuvor rotteten die spanischen Eroberer die Urbevölkerung nahezu komplett aus. Erschlagen, erhängt und von zuvor unbekannten, aus Europa eingeschleppten Krankheiten dahingerafft, erlitten die Native Nations während ihrer Versklavung die Auslöschung ihrer kulturellen und ethnischen Existenz. Im 19. Jahrhundert sind die Nachkommen, der aus Afrika importieren Sklaven, indessen freie Bürger einer unabhängigen Nation im Sinne der französischen Revolution. Leben aber mehrheitlich nach wie vor in bitterer Armut.

Unter US-Kontrolle: Ausbeuterischer Rassismus im Einklang mit der Politik

In Haitis Nachbarland, der Dominikanischen Republik, amüsieren sich Millionen von Touristen

In Haitis Nachbarland, der Dominikanischen Republik, amüsieren sich Millionen von Touristen

Ausgerechnet der Unabhängigkeitskrieg der weißen Nordamerikaner gegen das britische Königshaus, welche die Revolutionäre im fernen Frankreich beflügelte, selbst die Revolution gegen die französische Krone anzuzetteln, sollte mehr als hundert Jahre später das Ende der unabhängigen Nation der freien Haitianer mit panafrikanischer Kultur bedeuten. Aus rein wirtschaftlichem Interesse besetzten die 1915 noch recht jungen, aber längst imperialistischen Vereinigten Staaten von Amerika kurzerhand den franakophilen, westlichen Teil der karibischen Insel Hispanola. Ultra-kapitalistische Ausbeutung und rassistisch motivierte Unterdrückung folgten. Erst 1929 führten eine Reihe von Streiks und Aufständen dazu, dass die Vereinigten Staaten mit dem Rückzug aus Haiti beginnen. Ab 1930 startet die US-Administration eine wohlkalkulierte Kampagne. Die US-Regierung rekrutiert Haitianer aus der dünnen oberen Mittelschicht der erstarkten Großgrundbesitzer-Gesellschaft, um sie zu Staatsbeamten us-amerikanischen Vorbilds auszubilden. Mit der Absicht nach dem 1935 erfolgten militärischen Abzug, weiterhin die politische Kontrolle über die künftige haitianische Regierung und den wirtschaftliche Ressourcen zu behalten. Die von Präsident Franklin D. Roosevelt initiierte, sogenannte Good Neighbor Policy gibt Haiti also offiziell die Unabhängigkeit zurück, doch die wirtschaftliche Ausbeutung Haitis durch die USA wird freilich fortgesetzt. Kommunisten wie der jahrelang inhaftierte intellektuelle Politiker Jacques Roumain lässt die politische Polizei wegsperren. Die Plackerei in der Plantagen-Wirtschaft nimmt noch lange kein Ende. Der Großteil der Bevölkerung leidet weiterhin unter bitterer Armut, Analphabetismus und Hoffnungslosigkeit prägt die Bevölkerung, in einem Staat ohne Perspektiven auf eine bessere Zukunft für die zur Kinderarbeit gedrängten Jugend.

Voodoo und Folter: Das 20. wurde Haitis finsterstes Jahrhundert

Die Diktatur und Schreckensherrschaft unter François Duvalier (Papa Doc) folgte der Knechtschaft unter den USA und war in manchem unvorstellbar grausamer als viele nationale Tragödien zuvor: Die Ära der Diktatur des paranoiden Tyrannen von Haiti malträtierte das Land über Dekaden nachhaltig.

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Robert Niedermeier, Journalist (Reise, Lebensart, Gesellschaft)
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