Klimawandel: Die Schneeroboter von Sölden

Tirol

Schneeroboter in Sölden

Bis zum bitteren Saisonende in Sölden: Die brandneue Gaislachkogl-Bergbahn und Schneesicherheit dank kostspieliger Hightech ist der Garant für den langen Skispaß im Ötztal trotz weniger Naturschnee aufgrund des Klimawandels. Das teure Engagement ist in Tirol notwendig beim Buhlen um die Gunst der internationalen Wintersportgäste. Text/Fotos: Robert Niedermeier

Es ist kalt im Ötztal. Dünne, trockene Höhenluft durchdringt die Lungen des Ingenieurs. Einen Moment und Knopfdruck später schickt er seiner straff organisierten Kolonne stählerner Dreimeter-Riesen das Startsignal via Bluetooth. Dann fällt Schnee auf die Gampe Alm. Die Nachtschicht hat sich gelohnt. Am nächsten Morgen liegt perfekter Schnee auf den Pisten unter der Wildspitze, die mit 3768 Metern alle anderen Berge als Markenzeichen der Region überragt. „Naturschnee ist nicht ersetzbar, aber die richtige Mischung mit mechanischem Schnee bringt den größten Erfolg”, erklärt der Erfinder des sonnengelb lackierten Schneeroboters von Sölden. Es ist ein „T60”-Modell: Nachts wird Wasser aus den Speicherseen herbeigepumpt und rast aus den rotierenden Düsen der Schneekanone. Kommt es mit der frostigen Luft in Berührung beginnt die Verwandlung. In Millisekunden gefrieren pro Sekunde 460 Liter der nebelfeinen Wassertröpfchen.

Wildspitz im Blick

Piloten haben Wildspitz im Ötztal bei Sölden im Blick

Fortschritt durch Technik wider dem Menschen gemachten Klimawandel

Schneeexperte Georg Eisath ist Gründer der Herstellerfirma Techno Alpin am Giggijoch-Sessellift

Schneeexperte Georg Eisath ist Gründer der Herstellerfirma Techno Alpin am Giggijoch-Sessellift

Schneeexperte Georg Eisath ist Gründer der Herstellerfirma Techno Alpin und glaubt an seine Technik. Die maschinelle Beschneiung von mehr als 90 alpinen Pistenkilometern des knapp 150 Kilometer langen Pistennetzes erhöhe zweifellos die Fahrqualität. „Im Verbund mit der Bearbeitung hochmoderner Pistenfahrzeuge.” Nach schneearmen Wintern der 1980er-Jahre ging man alpenweit in die Offensive – wider die Launen der Natur und trotz des vom Menschen gemachten Klimawandels. Ganz vorn an der Tiroler Schneefront steht auch Bergbahnenbetreiber Jakob Falkner: „Kunstschnee ist die Versicherung für die Tourismus-Wirtschaft meiner Heimat”, sagt der Sölder Unternehmer. Wachstum durch Fortschritt mit Kraft strotzender Technik, lautet die Devise des Chefs der Bergbahnen Söldens, die sich im globalen Konkurrenzkampf der Wintersport-Hotspots immer deutlicher heraus kristallisiert.

Seilbahn zum Gaislachkogl: Dem Gipfel wurde 2010 die Krone aufgesetzt

Rettenbachtal Hubschrauber-Perspektive

Rettenbachtal aus der Hubschrauber-Perspektive

Etwa Mitte November – je nach Temperaturen und Schneelage – wird deshalb der erste Abschnitt der neuen Seilbahn hoch zum Gaislachkogl eröffnet. Die zweite Sektion feiert am 8. Dezember 2010 Premiere. Entworfen von Stararchitekt Johann Obermoser wird das Hightech-Projekt der nächste Clou Söldens. 3600 Personen können mit den 8-Personen-Kabinen pro Stunde und nahezu geräuschlos hoch zum Dreitausender kutschiert werden. Dem schönen Gipfel wird eine windschnittige Krone aus Stahl und wetterfester Kunststoff-Folie aufgesetzt. Architekt Obermoser: „Die neue Bergstation schmiegt sich an den Berg und setzt somit neue ästhetische und technische Maßstäbe.“

Komfortabel gleiten die sportlichen Skifahrenden über den Kunstschnee

Gaislachkogle-Abfahrt

Ski-Urlaub-Touristen aus Sölden auf der Gaislachkogle-Abfahrt

Schnee wird im Klimawandel zur Mangelware; und was knapp ist, das kostet im Kapitalismus. Immer neue, effizientere Propeller-Schneeerzeuger und Schnee-, respektive Schneilanzen kommen gleichfalls zum Einsatz in der Materialschlacht um die zahlenden Wintersportgäste aus aller Welt. Wer investiert, muss verdienen. Die Skifans, die oberhalb der beschneiten Gampe Alm mit der Giggijoch-Seilbahn auf 2284 Höhenmeter gelangen, wissen die Arbeit der kostenintensiven Schnee-Kolosse zu schätzen. Selbst im späten Frühling 2011 herrschen fabelhafte Schneeverhältnisse. In der Achtpersonen-Sesselbahn mit den orangefarbenen Plexiglas-Hüllen fahren sie hoch zum Rotkogljoch auf 2662 Höhenmetern. Das in 3300 Meter Hochlage thronende Retten- und Tiefenbach-Gletscherskigebiet ist nur noch eine Sessellift- und Express-Gondelfahrt entfernt. Aber die Ungeduld siegt. Die schweren Schuh rasten in die Ski-Bindung ein. Fest auf den Brettern fixiert wedeln die Sportlichen los. Komfortabel gleiten sie über den Kunstschnee, der nachts aus den Schneekanonen in die Atmosphäre schoss. Die rot markierte Piste runter nach Sölden ist bestens präpariert, ein geübter Freizeitsportler biegt auf die schwarze Abfahrt Nummer Sieben ab. Auch hier: Kein Harsch, keine Verwehungen. Auf der immerhin steilsten Talabfahrt des Skigebiets macht der Skiläufer eine gute Figur. Bei optimalen Schneeverhältnissen bekommen Ski einen guten Griff und Lauf zugleich.

Greenpeace: „Verlängerung der Wintersaison zerstört die Alpentäler.”

Ski-Urlauber mit einheimischer Schönheit auf der Giggijoch-Piste

Ski-Urlauber mit einheimischer Schönheit auf der Giggijoch-Piste

Der begeisterte Skifahrer tobt sich aus, doch Umweltschützer hadern mit dem Spaßfaktor Kunstschnee. Greenpeace prangert an: „Die Verlängerung der Wintersaisonen auf drei Jahreszeiten zerstört die Alpentäler.” Die Landwirte der Region schweigen. Subventionen fließen und die Ötztaler Heubauern sind eng mit dem Tourismus verflochten. Falkner indes hantiert beim Gespräch in einem Sölder Nobel-Hotel euphorisch mit Argumenten pro Natur und Schneesicherheit: „Eine geschlossene Schneedecke schützt schließlich die Frühlingsblumen vor Nachtfrost.” Auf Kritik der Umweltschützer reagiert er stur: „Von der Schönheit der intakten Natur können sich die Besucher im Sommer ihr eigenes Bild machen.” Ob die Hiker, Biker und Paraglider die sichtbaren Spuren des winterlichen Skibetriebs tatsächlich wahrnehmen können und wollen, mag Falkner nicht bewerten.

Ausgeschneit: Skitourismus in der Krise | DokThema | Doku | BR 2021

20 Prozent des Skipass-Preises fließen in die Technik für den Kunstschnee

Schneeroboter und Nutznießer: Tourist neben Schneemaschine

Schneeroboter und Nutznießer: Tourist neben Schneemaschine

Die Investoren in Tirol setzen inmitten vom Klimawandel auf Söldens dreifache Winterkompetenz: Mechanischer Schnee, ein mit aufwendiger Infrastruktur erschlossenes Gletscherskigebiet und die neue Gaislachkogl-Bergstation. Die neue hypermoderne Seilbahn kostet 38 Millionen und allein mit der Fertigstellung des dritten Speichersees sind diesen Herbst 50 Millionen Euro verschlungen worden – plus den alljährlichen Ausgaben: Fünf Euro kostet der Kubikmeter feinster Kunstschnee, insgesamt gingen 1,2 Millionen Kubikmeter im langen Winter 2010/2011 auf die Alm-Wiesen nieder. Das macht sechs Millionen Euro pro Skimonat. Zirka 20 Prozent des durchschnittlichen Skipasspreises gehen somit für die Extra-Portion des weißen Pulvers drauf. Dafür finden die Urlauber noch weit nach Ostern die Pisten der Talabfahrten im guten Zustand vor. Erst im Mai darf die Winterszeit Sölden Adé sagen. So lange rotieren die Schneeroboter von Sölden im Nachtschichtbetrieb.

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Im Windschatten vom Klimawandel: Das Geschäft mit dem Winter in den Alpen, Planet e (ZDF) klärt 2021 über den teuren Kunstschnee und die Verlängerung des Wintersaison im Klimawandel auf.

 

WAZ-Sölden_Schneeroboter

Schneeroboter in Sölden/WAZ-Reisejournal

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Robert Niedermeier, Journalist (Reise, Lebensart, Gesellschaft)
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